Amazonien – 1/2 Jahrhundert später

Veröffentlicht am 15. Oktober 2014 - 07:02h

Nach dem Kollaps des Gummi-Booms verlor Amazonien seine Anziehungskraft sowohl für die Geschäftsleute aus dem In- und Ausland, als auch für Abenteurer auf der Suche nach lukrativen Produkten des Regenwaldes, und verfiel fast ein halbes Jahrhundert lang in eine Art Dornröschenschlaf. Die indigene Bevölkerung war drastisch reduziert worden, die Überlebenden aber immerhin der Versklavung entronnen. Die Bevölkerung Amazoniens bestand jetzt in ihrer Mehrheit aus Mestizen – einer Mischung aus Indios, Weissen und Schwarzen, die man lokal als “Caboclos“ bezeichnete, oder als “Ribeirinhos“ (Uferbewohner), weil sie sich an den Ufern der Flüsse angesiedelt hatten. Sie alle lebten von den Ressourcen der Natur – von der Jagd, dem Fischfang und den Früchten, die sie im Regenwald sammeln konnten. Hie und da gab es auch ein paar Kleinbauern, die ein Stück Regenwald rodeten, um ein paar Felder anzulegen.

ABr-Marcello Casal Jr

Eine neue Kolonisierungswelle

Die ersten Versuche einer neuen Kolonisierung Amazoniens im 20. Jahrhundert fanden während der Amtsperiode des Präsidenten Getúlio Vargas statt (1930 – 1945). Allen voran die Japaner mit ihren Jute-Pflanzungen – einer pflanzlichen Textilfaser asiatischer Herkunft – die sich in der Amazonasebene gut entwickelte. Andere Japaner legten im Interior des Bundesstaates Pará riesige Plantagen mit Schwarzem Pfeffer an.

Bereits um 1930 waren die ersten japanischen Studenten in Amazonien eingewandert, um im Munizip von Parintins eine Jute-Kultur aufzubauen. Der Bundesstaat Amazonas stellte ihnen Land zur Verfügung, um darauf “Agrar-Alternativen“ zu entwickeln. Die Nachfrage nach Jutefasern – zur Herstellung von Säcken – war zu jener Zeit im Kommen. Bevor diese jungen Japaner nach Amazonien auswanderten, hatten sie in ihrer Heimat Kurse für Agrartechnik, Wohnungsbau und der portugiesischen Sprache absolviert. Zwischen 1938 und 1942 produzierten sie 5.500 Tonnen Jute in Amazonien, was die Einwanderung von Japanern in dieser Region zusätzlich motivierte. Bis heute ist die Jutefaser ein wichtiges Exportprodukt Brasiliens geblieben, während der Schwarze Pfeffer zwar an wirtschaftlicher Bedeutung verloren hat, jedoch weiterhin von der japanischen Kolonie in Pará angebaut wird.

Die Vargas-Regierung führte Kampagnen durch, um auch Brasilianer zu animieren, sich in Amazonien zu engagieren. Angelockt wurden dadurch besonders Menschen aus dem armen, trockenen Nordosten, die beabsichtigten, sich als Latex-Sammler zu verdingen, denn die asiatischen Kautschuk-Pflanzungen waren von den Japanern zu Beginn des Zweiten Weltkrieges besetzt worden, und die USA waren plötzlich wieder am brasilianischen Kautschuk mehr denn je interessiert. Es war nur eine relativ kurze Phase des Interesses und der Zunahme des brasilianischen Kautschuk-Exports – nach Kriegsende wendeten sich die USA wieder ihren asiatischen Importen zu und zogen ihre brasilianischen Investitionen zurück. Nur die Latex-Sammler aus Nordostbrasilien hatten ihren Spottnamen weg: man nannte sie fortan “Gummisoldaten“.

Henry Ford in Amazonien

Dieselbe Periode wurde auch durch einen Versuch des nordamerikanischen Unternehmers Henry Ford, den Vater der Automobilindustrie, geprägt, in Amazonien Pflanzungen mit der Hevea brasiliensis anzulegen, um mit denen in Malaysia zu konkurrieren. 1927 kaufte er weite Waldgebiete am Rio Tapajós zu diesem Zweck.

Und dann legte der reiche Amerikaner richtig los: Er baute gleich mal zwei kleine Städte in den Regenwald – “Fordlândia“ 1927 und später “Belterra“ 1936. Zum Anfang in Fordlândia betrug die Zahl der Arbeiter zirka 1.000 Personen, die sich aus Eingeborenen der Region, sowie aus den Nordoststaaten Maranhão und Ceará zusammensetzten – viele waren auch beim Bau der Eisenbahn Madeira-Mamoré dabei gewesen, andere beim Bau des Panamakanals.

Die Infrastruktur von Fordlândia, nach nordamerikanischem Muster, bestand aus 200 Fertighäusern, Schlafräumen für eintausend unverheiratete Männer, einem Hospital, Kino, Kirche, Schulen, von Bäumen begrenzten Avenidas, elektrischer Strassenbeleuchtung, Trink- und Abwasserleitungen, Schienen für eine Schmalspurbahn, Mechanische Werkstätten, Funk- und Telefonstation, Flusshafen und Clubs – einen für Amerikaner und einen anderen für Brasilianer.

Der ganze Aufwand war dann allerdings vergeblich: Ohne die geringste Erfahrung in tropischem Gartenbau, liessen die amerikanischen Manager die Setzlinge der Hevea brasiliensis viel zu dicht nebeneinander pflanzen, wodurch sie schon in jungem Entwicklungsstadium Opfer des Pilzparasiten Microcyclys ulei wurden, der im brasilianischen Volksmund “Malesse der Blätter“ genannt wird – der Pilz vernichtete die gesamten Pflanzungen. Ausserdem gelang es den Nordamerikanern nicht, die Südamerikaner an ihre rigorosen Arbeitsbedingungen zu gewöhnen: Ihnen wurde befohlen, Kennkarten zu tragen, US-amerikanische Arbeitszeiten einzuhalten, wie Amerikaner zu essen und weder zu rauchen, noch Alkohol zu konsumieren.

DCF 1.01930 revoltierten die Arbeiter – sie zerstörten das Bürogebäude, das Elektrizitätswerk, das Sägewerk, die Garagen, die Funkstation und den Empfang. Sie schnitten die Stromleitungen durch, legten Feuer in den Werkstätten und verbrannten die Archive, machten die Vorratskammern leer und zerstörten Lastwagen, Traktoren und Autos. Die Manager mussten fliehen. Ihnen gelang es, eine brasilianische Militärtruppe zu mobilisieren, die am nächsten Tag den Konflikt erstickte. Ein brasilianischer Journalist schrieb über den Vorfall: “In einer einzigen Nacht lernten die Administratoren der Ford Motor Company mehr über Soziologie als in Jahren auf der Universität“.

Nach diesem Vorfall war die brasilianische Regierung gegenüber den ausländischen Investoren misstrauisch geworden und zog ihre Unterstützung zurück. Weiter flussaufwärts machte Ford dann mit “Belterra“ noch einen weiteren Versuch, auf besserem Boden in höherer Lage und mit den gesammelten Erfahrungen doch noch Erfolg zu haben, aber die Kautschuk-Produktion kam aus unterschiedlichen Gründen nie in die geplanten Gänge – und inzwischen gab es neue Technologien auf dem Markt, die es möglich machten, Gummireifen aus Derivaten des Erdöls herzustellen.

Neue Ideen und neue Entwicklungspläne

Die 1950er Jahre waren geprägt von Versuchen der Landesregierung, in Amazonien zu investieren – man gründete das “Bundeskontrollamt zur Wirtschaftlichen Aufwertung Amazoniens (SPVEA)“. Allerdings werden die diesbezüglichen Pläne der Regierung erst gegen Ende jenes Jahrzehnts vom Papier in die Tat umgesetzt – zuerst mit der Eröffnung der Überlandstrasse Belém-Brasília, der BR-010 (1958).

Ab 1960, mit der Einweihung der neuen Regierungshauptstadt Brasília, beginnt auch eine neue Etappe in der Geschichte Amazoniens: mit dem Bau von Strassen, der Entdeckung neuer Erzlager und dem Beginn der Einwanderung von Viehzüchtern. Ausser der BR-010 Belém-Brasília, wird die BR-364 Cuiabá-Rio Branco gebaut. Die Erzfunde werden in Rondônia (Cassiterit), am Rio Tapajós, in Pará (Gold) und die grösste Eisenerzmine der Welt in der Serra dos Carajás (Pará) entdeckt (1967).

Die BR-010 (Belém-Brasília) treibt die Agrarwirtschaft und die Viehzucht voran, mit dem Erfolg, dass die Bevölkerung Amazoniens ab der 1960er Jahre wieder zunimmt. Die neue Strasse verringert die Kosten der Einwanderung, erleichtert Reisen ins Inland und senkt die Kosten der Agrarprodukte.

Die BR-364 (Cuiabá-Rio Branco) löst die grösste Einwanderungswelle in die bis zu diesem Zeitpunkt unberührtesten Territorien Südamerikas aus. Bis zum Jahr 1980 sind zirka 500.000 Kolonisten, in erster Linie Kleinbauern aus Brasiliens Süden, über diese Strasse in Amazonien eingewandert – und diese Einwanderung nimmt dann im folgenden Jahrzehnt noch zu. Nach der Asphaltierung dieser Strasse entsteht ein Netz kleinerer Pisten, die den Regenwald auf beiden Seiten penetrieren. Diese Pisten haben die Land- und Viehwirtschaft gefördert, die Cassiterit-Ausbeutung vereinfacht und die Entstehung zahlreicher Siedlungen ermöglicht.

Trotz alledem ist die wirtschaftliche Basis Amazoniens immer noch das Sammeln von Naturprodukten – zum Beispiel der “Castanha-do-Pará“ (Paranuss) – und der Ackerbau zur Selbsterhaltung. Im Bundesstaat Pará hat das Sammeln von Paranüssen, zum Beispiel, nach 1920 die Latex-Extraktion ersetzt. Die damit Beschäftigten waren vor allem schwarze Ex-Sklaven, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihre “Quilombos“ im Norden Amazoniens verliessen, um sich am Mittleren Rio Trobetas niederzulassen. In diesem neuen Territorium, wo es Paranuss-Bäume im Überfluss gab, verwandelten sie sich in freie, autonome “Castanheiros“ (Nuss-Sammler), die den Verkauf ihrer Produkte von nun an selbst und direkt mit den Aufkäufern verhandelten, die ihrerseits die Produkte, auf dem Wasserweg, zum Verkauf in die Stadt Òbidos transportierten.

Unter dem Präsidenten Castelo Branco (1966) wurde die SPVEA ersetzt durch die neu gegründete SUDAM (Superintendência do Desenvolvimento da Amazônia). Dieses Regierungsorgan entwickelte spezielle finanzielle und steuerliche Anreize für private, nationale und internationale Investoren – insbesondere für Investitionen in Amazonien.