Niedergang und Dekadenz

Veröffentlicht am 7. Oktober 2014 - 18:36h

Während der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts erreichten die brasilianischen Kautschuk-Exporte einen Durchschnitt von 34.000 Tonnen pro Jahr. Die Produktion von 42.000 Tonnen im Jahr 1909 brachte dem Staat 24,5 Millionen Pfund Sterling ein. Die im Luxus schwelgten und im Geld schwammen, weil sie am Handel mit dem Kautschuk Unsummen verdienten, meinten tatsächlich, das würde immer so weitergehen mit dem brasilianischen Monopol. Also kamen sie gar nicht auf die Idee, mit ihrem Geld andere Investitionen zu tätigen, wie zum Beispiel im Agrarsektor oder in der Industrie – als Alternativinvestition für den Fall einer Krise.

Henry Alexander WickhamDer Boom von Luxus und Reichtum der Gummi-Barone wurde bereits 1876 durch einen Engländer mit Namen Henry Alexander Wickham sabotiert, der 70.000 Samen der Hevea brasiliensis aus der Region Santarém (Pará) ausser Landes schmuggelte. Wickham war selbst Biologe und Naturforscher, und in Santarém hatte er sich eine Zeitlang als Pflanzer niedergelassen. Seine Reiseberichte brachten ihm einen ungewöhnlichen Auftrag des Direktors der “Kew Gardens“ in London ein: Kautschuksamen nach England zu schicken. Nachdem Wickham seine Sendung als “Orchideensamen“ erklärt hatte, liessen die brasilianischen Zollbeamten sie ohne weitere Kontrollen passieren und besiegelten damit das Ende des brasilianischen Kautschuk-Monopols.

In den englischen Gewächshäusern entwickelten sich zirka 2.000 Setzlinge aus den brasilianischen Samen, die in die englischen Kolonie Malaysia verschifft wurden – nur ganze acht Pflänzchen erreichten ihr Ziel, gediehen jedoch gut im asiatischen Boden – und zwanzig Jahre später begann der Kautschuk aus Malaysia den Weltmarkt zu erobern – das Kautschuk-Monopol Brasiliens war gebrochen. Die asiatische Produktion erreichte 1923 bereits 370 Millionen Tonnen, denn in Malysia gab es für die brasilianischen Kautschuk-Bäume keine natürlichen Feinde, wie Schadinsekten, Pilze oder andere Parasiten. Auf besserem Boden und sorgfältig gepflegt, lieferten sie ergiebigere und qualitativ bessere Latex-Erträge als ihre Vorfahren in Amazonien. Die Produktion in Amazonien sank zu jener Zeit auf spärliche 18.000 Tonnen pro Jahr – der brasilianische “Gummi-Boom“ war plötzlich zu ende.

Zahlreiche Familien zogen sich nun aus Amazonien zurück – besonders die, die genug Geld gebunkert hatten, um in einer Grossstadt an der Küste ein neues Leben anzufangen. Zurück blieben die Ausgebeuteten, die Latex-Sammler, die im Schweisse ihres Angesichts und unter täglichem Einsatz ihrer Gesundheit, für jene, die sich jetzt davonmachten, das “Weisse Gold“ zusammengetragen hatten. Belém und Manaus versanken zu Beginn des 20. Jahrhunderts im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ruin – die Paläste standen leer, die Regierung konnte ihre Beamten nicht mehr bezahlen, die Mittelklasse verlor ihre Jobs und verarmte. Wer keine Mittel hatte wegzuziehen, wandte sich wieder dem Sammeln von Waldfrüchten und der Feldarbeit zu, um nicht zu verhungern.

Nach 1920 stagnierte das Leben der Bevölkerung Nordbrasiliens vollkommen. Um 1920 hatte die Region noch 312.000 Einwohner, die bis zum Jahr 1940 auf 236.000 zurückgegangen waren. Erst 1950 legte die Bevölkerung mit 349.000 wieder ein bisschen zu, und erst ab 1960 erholte sich Amazonien vom wirtschaftlichen Ruin.

Cândido Mariano da Silva Rondon

marechal_rondonEr wurde 1865 in Mimoso (Bundesstaat Mato Grosso) geboren und hatte selbst indigene Wurzeln – die Urgrosseltern mütterlicherseits, aus dem Volk der Boróro und Terena, der Urgrossvater väterlicherseits, aus dem Volk der Guará. Aufgezogen wurde er von einem Onkel, nach dessen Tod er in die Militärakademie von Rio de Janeiro eintrat, denn dort bekam er einen Sold, mit dem er überleben konnte.

1881 war er Sergeant im 3. Regiment der berittenen Artillerie. Unter anderem studierte er Mathematik und Naturwissenschaften an der “Hochschule für Kriegsführung“, bis er zum Chef des telegrafischen Distrikts von Mato Grosso berufen wurde, um eine telegrafische Verbindung zwischen den Staaten Mato Grosso und Goiás einzurichten.

Die republikanische Regierung war besorgt über die westlichen Territorien Brasiliens, die bis zu diesem Zeitpunkt völlig ohne Verbindung mit den grossen Zentren im Osten des Landes verharrten – es wurde entschieden, eine Telegrafenleitung mit dem noch “wilden Westen“ zu errichten, und Rondon sollte das bewerkstelligen. Er hatte Freude an dieser Aufgabe – mit einem Team von Technikern, Botanikern, Ethnologen und Abenteurern legte er Pfade an, kartographierte die von ihnen erschlossenen Regionen, stellte Telegrafenmasten auf und versuchte mit den Indios, denen sie unterwegs begegneten, in Frieden und Freundschaft zu kommunizieren, was ihm in den meisten Fällen auch gelang.

Nachdem er die ersten Regierungsaufträge mit Bravour erfüllt hatte, betraute man ihn mit den nächsten, verantwortungsvollen Unternehmungen – zum gesamten brasilianischen Hinterland, vor allem auch nach Amazonien, sollten telegrafische Verbindungen mit der Regierungshauptstadt eingerichtet werden (damals Rio de Janeiro). Rondon hatte seine Lebensaufgabe gefunden. Rückblickend kann man sagen, dass die gesamte Basis des Telegrafennetzes in den bis dato unerschlossenen Gebieten Brasiliens diesem couragierten Pionier und seiner unerschrockenen Equipe zu verdanken ist.

Im Jahr 1907, schon im Rang eines Majors des Militärischen Ingenieur-Corps, wurde er zum Leiter der Kommission ernannt, von der die Telegrafenleitung zwischen Cuiabá (Mato Grosso) und Santo Antônio do Madeira (Amazonas) aufgebaut werden sollte – die erste telegrafische Verbindung mit der Amazonas-Region – man nannte seine Truppe “die Kommission Rondon“. Diese Arbeiten beschäftigten ihn von 1907 bis 1915. Im gleichen Zeitraum wurde an der Eisenbahnverbindung “Madeira-Mamoré“ gebaut, und zusammen mit der telegrafischen Integration durch Rondon schufen beide Pioniertaten wesentliche Voraussetzungen für eine Besetzung des heutigen Bundesstaates Rondônia durch die nationale Gesellschaft.

Zwischenzeitlich leitete Rondon Expeditionen durch die Wildnis mit dem Ziel, die Amazonas-Region weiter zu erschliessen – dieser Aufgabe galt sein eigentliches Interesse, sich mit der wilden Natur auseinanderzusetzen, Menschen zu begegnen, die noch nie zuvor Weisse gesehen hatten, das übte eine unwiderstehliche Faszination auf ihn aus. 1914 führte er den Ex-Präsidenten der USA, Theodore Roosevelt, durch den Regenwald, als er selbst von einem Pfeil der Indios Nambiquara getroffen wurde – der lederne Schulterriemen seines Gewehrs verhinderte eine grössere Verletzung. Er verbot seinen Untergebenen, die Indios zu verfolgen und demonstrierte damit sein Prinzip, die Wildnis nur in friedlicher Absicht zu erschliessen. “Morrer se preciso for, matar nunca” (Sterben, wenn nötig – töten niemals), das war seine Devise.

Mit seiner entgegenkommenden Haltung gegenüber den Eingeborenen inspirierte Rondon die Idee zur Gründung des SPI (Serviço de Proteção ao Índio – Indianerschutz), einer Stiftung zur Unterstützung der Ureinwohner und Wahrung ihrer Rechte als Staatsbürger (Aus dem SPI ging später die staatliche FUNAI hervor, die noch heute die Belange der Indios vertritt). Rondon war bis 1930 Ehrenvorsitzender des SPI.

Rondon war auch der bedeutendste Registrator indigener Völker Brasiliens seiner Zeit. Um den Kontakt mit den Indios zu unterstützen und zu vereinfachen, bedienten er und seine Equipe sich verschiedener Geschenke in Form von Werkzeugen und anderen Utensilien aus Metall, die sie den Waldbewohnern beim ersten Zusammentreffen überreichten und damit schnell Erfolg hatten. Rondon selbst konnte sich in verschiedenen indigenen Sprachen verständigen, und in seiner Equipe befanden sich weitere Dolmetscher. Jeder neue Kontakt wurde von ihm in einem ausführlichen Bericht dokumentiert.

1952, im Alter von 87 Jahren, war er Ehrenvorsitzender der SPI-Nachfolgeorganisation FUNAI. Er widersetzte sich sowohl der Regierung als auch der Agrar-Lobby des Bundesstaates Mato Grosso, indem er die Kampagne der Gebrüder Villas Boas unterstützte, die einen Nationalpark zum Schutz von indigenen Völkern am Rio Xingu gründen wollten. Drei Jahre nach Rondons Tod (er starb am 19. Januar 1958) wurde diese Vision 1961, mit dem “Parque Nacional dos Índios“ am Rio Xingu, Realität.