Der Mensch in Amazonien

Veröffentlicht am 4. Februar 2013 - 23:00h

In der Amazonasregion leben 25 Millionen Menschen, der grösste Teil in urbanen Zentren. Von ihnen hängt die Zukunft des grössten Regenwaldgebiets unseres Planeten ab.

In den 70er Jahren, jener Zeit der grossen, von der Militärregierung implantierten, infrastrukturellen Projekte, kannte man Amazonien als die “Grüne Hölle“. Ein undurchdringlicher, ungesunder Dschungel, von Moskitos und giftigen Tieren verpestet, verurteilt zur Vernichtung durch Siedler, Holzfäller, Goldsucher und andere Abenteurer, die sich in der Region niederliessen. Diese Vision hat sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich verändert, weil die Brasilianer begriffen haben, dass die Amazonasregion ein nationales Erbe ist, das nicht einfach so vernichtet werden kann, ohne die Zukunft des Landes ganz wesentlich zu kompromittieren. Mit ihren 5 Millionen Quadratkilometern stellt Amazonien mehr als die Hälfte des brasilianischen Territoriums dar, 3,6% der Landoberfläche unseres Planeten, eine Fläche, die der neunfachen Grösse Frankreichs entspricht. Der Amazonasstrom, grösster Fluss der Erde an Länge und Wasservolumen, transportiert an einem einzigen Tag dieselbe Wassermenge ins Meer, für die zum Beispiel die Themse ein ganzes Jahr brauchen würde. Die Verdampfung des Wassers, die allein von Amazonien produziert wird, entspricht 60% der Niederschläge, welche in den Regionen des brasilianischen Nordens, Mittleren Westens, Südostens und Südens fallen.

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Allerdings auch heute, nach der allgemeinen Erkenntnis seiner Grossartigkeit, verbleibt der Amazonas-Regenwald unter der Herrschaft der Natur als eine Region, in welcher der Mensch nicht willkommen ist. Trotzdem leben dort 25 Millionen Brasilianer, die die Herausforderung einer menschenfeindlichen Umgebung angenommen und in diesem nördlichen Teil Brasiliens Wurzeln geschlagen haben. Es ist erschreckend, wenn man bemerkt, dass in der entstandenen Debatte über die beste Art und Weise zur Erhaltung des Regenwaldes, man den wichtigsten Protagonisten der Amazonien-Saga vergisst: den Menschen. Das ist eine falsche Einstellung zur Situation, denn das Schicksal der Region hängt viel mehr von ihren Bewohnern ab, als von Papierkram aus Brasília oder einer Hilfe durch NGOs. Priorität aller Initiativen sollte eine Verbesserung der Lebensqualität und die Schaffung von wirtschaftlichen Voraussetzungen für seine Bewohner sein, um ihnen damit Alternativen zur Ausbeutung ihrer Umgebung zu bieten. Nur so werden sie den Regenwald bewahren, anstatt ihn zu zerstören, dann wird auch in ihnen der Stolz über seine natürliche Vielfalt wachsen – einzigartig in der Welt.

Die Üppigkeit der Natur steht in krassem Gegensatz zu der Lebensqualität der Bewohner Amazoniens. Die idyllische Vorstellung vom “Caboclo“ (Waldbewohner), der in einem tropischen Paradies lebt und von dort nicht mehr weg möchte, ist ein Phantasiegebilde im Kopf derer, die in einer komfortablen Stadt an Brasiliens Küste, und weit weg von Amazonien, zuhause sind. Heutzutage können diese Caboclo-Familien zwar im verstecktesten Winkel Amazoniens, nur erreichbar per Boot, die Tele-Novelas ansehen – eine Parabolantenne macht’s möglich – und haben auch elektrisches Licht aus einem Diesel-Generator, aber das allein bringt keine Lebensqualität. Natürlich würden sie gerne mit all dem modernen Komfort des Südens leben, den sie gerade in den ausgestrahlten Novelas bewundern können, und nicht wie eine lebende Reliquie einer isolierten Vergangenheit. Sowohl Waldbewohner, wie der Indios in ihrem Dorf, ziehen es vor, auf einem Gasherd zu kochen, selbst wenn sie dafür mit Gütern bezahlen müssen, die sie aus dem Wald entwenden. In diesen abgelegenen Gebieten, ohne Kommerz und ohne Geld, ist der Waren- und Gütertausch die einzige Form zur Versorgung der Bevölkerung. Um den Fernseher zwei Stunden lang in Betrieb zu halten, verbraucht ein Generator zirka einen Liter Dieselöl, der auf dem lokalen Tauschmarkt gegen ein Schalentier eingetauscht werden kann – in der Regel eine Schildkröte, die bis zu acht Kilo wiegen kann und als traditionelle Delikatesse gilt. Wie soll man diesen Leuten erklären, dass die Jagd von Tieren, die seit Generationen zum lokalen Speiseplan gehören, jetzt auf einmal ein ambientales Verbrechen darstellt?

Nach der Kolonialzeit erlebte Amazonien die erste grosse Emigrationswelle während des Übergangs vom 19. ins 20. Jahrhundert. Horden von Landflüchtlingen, nach drei aufeinander folgenden Trockenperioden im Nordosten, wurden nach Amazonien geschickt, zur Extraktion von Latex. Schätzungsweise 300.000 bis 500.000 siedelten sich an im Regenwald. Das Ende des Gummi-Booms liess nicht nur die Latexsammler in der Isolation zurück, sondern ruinierte auch die gut erzogene, europäisierte Elite in Manaus und Belém. Um eine kurze Knappheit des Gummis zu überbrücken, wurden dann während des Zweiten Weltkriegs mehr als 150.000 Personen in die Bundesstaaten Acre, Amazonas und Pará entsandt. Die dritte bedeutende Einwanderungswelle wurde in den 70er Jahren von der Militärregierung angetrieben. Die zollfreie Zone von Manaus, der Vormarsch von Landwirtschaft und Viehzucht, sowie die offizielle Landverteilung durch die Regierung (INCRA) sind inzwischen die Anreize für eine Umsiedelung vieler Brasilianer in die Region.

Jene Umsiedler, zusammen mit den Eingeborenen und antiken Bewohnern, haben sich gemischt und den “Homo amazonius“ geschaffen – den an die Amazonasregion angepassten Brasilianer. Der Rest des Landes versteht ihn nicht besonders gut. Die Amazonien betreffende Politik zielt in der Regel auf die Wald- und Flussbevölkerung, das so genannte “Povo da Floretsta“ (Volk des Regenwaldes). Diese Art zu denken stammt aus den Anfängen der 70er Jahre, als nur 3,5% der regionalen Bewohner in städtischen Bezirken lebten. Aber in den letzten drei Jahrzehnten hat sich das demografische Profil in einem zunehmenden Rhythmus verändert. Heute leben 73% der Bevölkerung in den Städten Amazoniens, und ihre Probleme sind dieselben wie die der Bewohner irgendeiner Stadt im Süden oder Südosten, nur noch wesentlich verstärkt durch das Fehlen einer infrastrukturellen Dienstleistungsbasis.