19. Jahrhundert – Brasilien wird autonom

Veröffentlicht am 26. September 2014 - 20:27h

Schiff-Porto Seguro-Windrose-Entdeckerdenkmal_7004War Amazonien im vergangenen Jahrhundert durch die Misswirtschaft der “Direktoren” und den Verlust der indigenen Arbeitskräfte in die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit abgesunken und im übrigen Brasilien fast in Vergessenheit geraten, so begann sich diese Situation zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu verändern. Die Regierung Amazoniens präsentierte sich jetzt besser organisiert – in den grössseren Städten hatten sich Landbesitzer und Unternehmer zu einer vornehmen Gesellschaftsklasse entwickelt, die in direktem Kontakt mit Lissabon stand. Familiäre Bindungen, kommerzielle Interessen und die schnellen Schiffsverbindungen begünstigten diese Kontakte. (Von Belém nach Lissabon mit dem Schiff zu reisen, ging jetzt schneller als nach Rio de Janeiro, wegen der günstigeren Winde. Ab 1850 begann man dann die Segelschiffe durch Dampfschiffe zu ersetzen, was die Reisezeiten weiter verkürzte).

Noch basierte die Wirtschaft Amazoniens allerdings vorwiegend auf den bereits erwähnten Produkten des Regenwaldes, und zum Sammeln derselben hatte man sich stets der indigenen Arbeitskräfte bedient, von denen inzwischen mehr als die Hälfte entweder geflohen oder durch Krankheiten dezimiert worden war.

Diese ersten Jahre des 19. Jahrhunderts gingen in die Geschichte ein als der “Beginn einer weltweiten Industrialisierung“ – das hatte zur Folge, dass die Preise der meisten Produkte auf dem Weltmarkt fielen, und da das koloniale Amazonien gerade im Begriff war, seine Probleme durch eine exzessive Erhöhung seiner Natur- und Agrarprodukte in den Griff zu bekommen, führte diese “Initiative zur falschen Zeit“ zu einer wirtschaftlichen Dekadenz der gesamten Provinz. Zwischen 1806 bis 1819 hatte eine Krise die Capitanias von Grão-Pará und Rio Negro fest im Griff. Und ab diesem Moment gewannen die Ideen einer Unabhängigkeit von Portugal zunehmend an Anhängern.

Die Unabhängigkeit

Die Initiative ging von einer Gruppe Politiker aus, die mit dem kolonialen System unzufrieden waren. Sie wünschten sich mehr wirtschaftliche Möglichkeiten für jene, die in dieser Region geboren waren, besonders für Personen, die in die Städte ohne irgendeine Schulbildung abgewandert waren. Diese Politiker wollten eine Regierung, die solchen Bürgern ihre Rechte garantierte. Die Oberklasse beschuldigte diese Bürger der Faulheit, dabei waren sie die Einzigen, die überhaupt arbeiteten und oft nicht einmal von der herrschenden Klasse bezahlt wurden. Die Protestler waren beeinflusst von den Ideen des französischen Illuminismus (intellektuelle und spirituelle Strömung), die ab 1809 in Grão-Pará zirkulierten, wegen des Konflikts zwischen Portugal und Frankreich in Cayenne (Französisch Guyana). Die jungen portugiesischen Soldaten in Cayenne begeisterten sich für die französische Revolution, von der sie durch dort zirkulierende Pamphlete in Kenntnis gesetzt wurden und zurück in Belém, verbreiteten sie diese Ideen.

Wer schon einmal in Belém war, der hat wahrscheinlich auch die Plätze “Praça Felipe Patroni“ und “Praça Batista Campos“ besucht, die nach zwei bedeutenden Männern der brasilianischen Geschichte benannt wurden. Felipe Patroni und Batista Campos waren die beiden grössten Befürworter einer Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal und die Wortführer entsprechender Versammlungen in Amazonien. Die Unabhängigkeitserklärung Brasiliens erfolgte im Jahr 1822 – jedoch wurde sie erst in der Mitte des Jahres 1823 von den Capitanias Grão-Pará und Rio Negro anerkannt. Und zwar erst als am 11. August 1823 der Admiral John Grenfell mit einer Order des Kaisers Dom Pedro I. in Belém eintraf, die den Anschluss von Pará forderte – für den Fall, dass diese Order abgelehnt würde, stünde eine Schwadron in Salinas bereit, den Hafen von Belém dicht zu machen.

Am 15. August – nach einer Ratsversammlung im Regierungspalast – wurde der Anschluss an die Unabhängigkeitserklärung von Dom Romualdo Coelho proklamiert und durch seine Unterschrift auf einem entsprechenden Dokument bestätigt. Damit wurde die Capitania de Grão-Pará in eine Provinz des Kaiserreichs Brasilien verwandelt. Grão-Pará und Rio Negro hatten sich anfangs gegenüber einer Unabhängigkeit von Portugal zurückgehalten, weil gerade sie mit dem Mutterland in besonders enger Verbindung standen – viel intensiver und direkter als der Rest Brasiliens. Die Capitania Rio Negro ordnete sich am 9. November 1823 schliesslich der Provinz Grão-Pará unter – bis im Jahr 1850, als sie selbst, am 5. September desselben Jahres, zur “Provinz Amazonas“ erhoben wurde.

Felipe Patroni wurde 1794 in Belém geboren und studierte Rechtswissenschaften in Coimbra (Portugal). Er gründete die Zeitung “O Paraense“, mit der er die Unabhängigkeit von Grão-Pará und Rio Negro propagierte. Die portugiesische Krone reagierte und schloss die Redaktion. Felipe Patroni wurde gefangengenommen und nach Ceará deportiert.

João Batista Gonçalves de Campos wurde 1782 in Barcarena (Pará) geboren – er war Domherr, Journalist und Advokat. Er war auch Parteimitglied der “Independência“ (Unabhängigkeit) und versteckte sich im Hinterland, um den Häschern der Regierung zu entgehen. Er reaktivierte die Zeitung von Patroni und leitete sie. Seine Ideen trugen dazu bei, dass die “Cabanagem-Bewegung“ explodierte.

Die Cabanagem-Revolte

Ein Jahrzehnt nach der brasilianischen Unabhängigkeit waren viele Menschen in Amazonien unzufrieden mit der politischen und wirtschaftlichen Situation ihrer Region. Und in dieser Übergangsperiode verschärften sich die Konflikte zwischen “Caboclos“ (Mischlinge aus Afrikanern und Indios) und weissen Kolonisten, die seit der Epoche des “Diretório dos Indios“ im 18. Jahrhundert schwelten – und entflammten die grösste Eingeborenen-Revolte Brasiliens, die so genannte “Cabanagem“. (Die “Cabanos“ waren Bewohner Amazoniens ohne feste Wohnung, die in “Cabanas“ (primitive Hütten) in den überschwemmten Flussniederungen rund um Belém, oder in den Galeriewäldern am Ufer des Amazonasstroms, lebten).

Zwischen 1835 und 1836 vereinigten sich verarmte Indios, Caboclos und Schwarze aus Pará, um radikale, gesellschaftliche Veränderungen einzufordern. Angeführt wurden sie von den Gebrüdern Vinagre – Manuel, Antônio und Francisco Pedro – dem Domherr Batista Campos, Herausgeber der Zeitung “O Paraense“ – Felix Antônio Clemente Malcher, Ex-Offizier der Infanterie – und Eduardo Nogueira, bekannt unter dem Spitznamen “Angelim“.

Es fing damit an, dass ein Trupp Rebellen die Kaserne von Belém angriff. Ihr grösster Erfolg bestand darin, dass viele Soldaten zu ihnen überwechselten. Ein anderer Trupp drang in den Regierungspalast ein – ein Indio erschoss den Präsidenten. Des Weiteren nahmen die Rebellen das Stadtgefängnis ein und befreiten 50 Gefangene. In sechs Monaten der Revolte übernahm die arme Bevölkerung die Macht und begann sich zu Truppen zu formieren, um jene anzugreifen, die mit ihrer politischen und wirtschaftlichen Macht am meisten Profit machten, nämlich die Portugiesen und ihre Abkömmlinge. Diese Revolte, eine der blutigsten in der Geschichte Brasiliens, führte in erster Linie zur Abschlachtung von Weissen, Brandstiftung in Niederlassungen von Unternehmen und privaten Gebäuden, sowie Angriffen und Invasionen von Passagierschiffen. Die Gewalt breitete sich auf das gesamte Flussnetz in Amazonien aus, denn die “Cabanos“ waren gute Kanufahrer und exzellente Kenner der gesamten Regenwaldregion.

Mittelpunkt des rebellischen Widerstandes war der Untere Amazonas. Dieses Rebellen-Zentrum wurde nach einem der schlimmsten Blutbäder der Bewegung eingerichtet: dem Überfall der Maués-Mission durch die Mawé-Indios – die sämtliche Weisse töteten und die Mission in Brand steckten. Der Naturalist Henry Walter Bates kommentierte über die Verbindung zwischen der Unterdrückungs-Periode gegen die Indios, Schwarzen und Mestizen zur Zeit des “Diretórios“ des Marquês de Pombal und die daraus folgende Cabanagem-Revolte: “Die ignoranten Direktoren, die Ersten, die all diesen Rassenhass geweckt haben, sind jetzt gezwungen zu fliehen“.

Der Schriftsteller Francisco Bernardino de Sousa hat den Bericht einer Dame niedergeschrieben, die den Cabanagem-Aufstand im Munizip von Óbidos miterlebt hat: “…als wir alle gelitten haben, wegen dieser Männer, die etwas wollten, von dem sie selbst nicht wussten, was es war! Die Cabanagem-Revolte war eine Geissel Gottes, um uns zu strafen – sie war wie die Pest, die die Erde heimsuchte, wo ich geboren wurde – alle haben wir gelitten“. Icuipiranga, in der Nähe von Óbidos, war einer der Orte, an denen sich die Rebellen sammelten, um anschliessend die Niederlassungen der Weissen an den Flüssen zu überfallen.

Im April 1836 kamen endlich 2.500 Soldaten in Belém an, die von der Regierung in Rio de Janeiro geschickt worden waren – das Kommando hatte der General Francisco Soares d’Andrea. Sie zerstörten die Cabanas-Einheiten auf den Inseln rund um die Stadt und schlossen sie dann hermetisch ein. Der dritte Cabano-Anführer “Angelim“ und seine Männer wurden am 14. Mai 1836 vernichtend geschlagen. Die Repression der Bewegung war grausam und dauerte von 1837 bis gegen Ende 1838 an. Während dieser Periode wurden Verdächtige und Kriminelle in die Laderäume von Schiffen gesperrt und starben entweder an Erstickung oder ansteckenden Krankheiten. Andere wurden gezwungen, für die neue lokale Regierung zu arbeiten, die einen neuen Präsidenten hatte: Francisco Soares d’Andrea.

Der nächste Präsident von Pará, Bernardo de Sousa Franco, begann die Situation abzuschwächen und erhielt im November 1839 vom Kaiser, aus Rio de Janeiro, eine Amnestie und allgemeines Pardon für die noch übrig gebliebenen Cabano-Rebellen. Am Ende der Revolte befand sich Belém in einem bemitleidenswerten Zustand: Berge von Abfall, verdreckte Strassen, überwachsene Terrains, Häuser ohne Türen und Fenster, verlassene Fazendas und tote Rinder. Insgesamt wurden zirka 30.000 Personen getötet – ein Fünftel der Bevölkerung der Provinz. Die Wirtschaft Amazoniens war total zerstört.

Nach dieser Zeit der Revolte zeigte das brasilianische Imperium nur wenige Initiativen in Richtung auf Amazonien, bis in die Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ausserdem hatten die Agrarprodukte der Region auf dem Markt an Bedeutung verloren. Der Kakaopreis war gefallen und die anderen Waldprodukte, Tierfelle und gegerbten Häute entbehrten der Nachfrage. Die einzige positive Ausnahme war ein zunehmendes Interesse an Kautschuk aus Amazonien – ab 1840 – und darüber soll noch berichtet werden.

Viele Historiker sind der Meinung, dass die Cabano-Rebellen überhaupt keine spezifischen Ansprüche und Forderungen hatten, die sie durchsetzen wollten. Sie waren weder organisiert, um ein politisches Projekt zu planen, noch um ein neues Gesellschaftsmodell oder ein soziales Reformprogramm einzuführen und damit die Macht des neuen Imperiums herauszufordern. Wahrscheinlich ging es ihnen allein darum, für die Jahrhunderte ihres Leidens durch Lug, Betrug und Versklavung Rache zu nehmen – was ihnen letztlich gelungen ist, jedoch haben die meisten dafür selbst mit ihrem Leben bezahlt.

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