Ureinwohner Amazoniens

Veröffentlicht am 5. September 2014 - 14:06h

Nach der kurzen Übersicht wollen wir uns mal mit den Details der einzelnen Epochen Amazoniens befassen, und den Menschen, die diese verschiedenen Epochen prägten. Also gehen wir noch einmal zurück in die Zeit vor 14.000 Jahren, als erste Trupps asiatischer Einwanderer das Tal des Amazonasstroms erreichten. Einwanderer aus Asien? Höchst wahrscheinlich – aber auch diese Annahme ist, streng genommen, eine hypothetische, sie wird jedoch durch eine andere Hypothese der Historiker gestützt, die davon ausgeht, dass Menschen bereits vor zirka 20.000 Jahren den nordamerikanischen Kontinent erreichten – und zwar über die “Behringstrasse“.

Diese Landverbindung zwischen dem asiatischen und dem amerikanischen Kontinent war während der letzten Eiszeit (vor 100.000 bis 10.000 Jahren) zu Fuss begehbar, denn der Meeresspiegel lag damals um einiges tiefer als heutzutage. Demnach ist die Hypothese, dass die Ureinwohner Amerikas über diese Landbrücke eingewandert seien, durchaus plausibel – jedenfalls gibt es bis heute keine bessere Erklärung, die ihr zuwider laufen könnte.

Es bestehen viele Ähnlichkeiten zwischen den Eingeborenen Amerikas und der asiatischen Bevölkerung. Zum Beispiel die Form ihrer Augen, die Augenbrauen und die Nase. Ausserdem gehören sie der gleichen Blutgruppe an und stimmen mit einigen Charakteristika der DNA überein.

HezeShenhuiDrawingEs existieren jedoch auch zwei weitere Hypothesen, die sich auf die Ankunft der Chinesen auf dem amerikanischen Kontinent beziehen. Die erste baut auf der Tatsache auf, dass die Asiaten zu Beginn der christlichen Ära ebenfalls diesen Kontinent erforschten. Es wird erzählt, dass ein buddhistischer Mönch, mit Namen Hui Shen, nachdem er achttausend Seemeilen zurückgelegt hatte, auf Land im Westen von China stiess. Dieses Land nannte er “Fusang“, was im Chinesischen soviel wie “Land im Westen, wo die Sonne aufgeht“ bedeutet. Es gibt ein Indiz für die tatsächliche Existenz von “Fusang“ – die Karte von “Harris“, welche die Position dieser Landmasse annähernd deckungsgleich mit Nordamerika präsentiert.

(Dr. Hendon Harris Junior ist der Autor des Buches “Die asiatischen Väter Amerikas“, herausgegeben 1973. Seine These beruht auf einer antiken Karte, die er in einem Antiquitätengeschäft in Korea fand. Diese Karte, betitelt “Alles unter dem Himmel“ – bekannt als “Harris Map“, zeigt Landmassen in Grössen und Umrissen, die denen von Afrika, Europa und Australien sehr ähnlich sind – ausserdem eine Landmasse, die als “Fusang“ bezeichnet wird – wahrscheinlich Amerika).

Die zweite Hypothese bezieht sich auf den chinesischen Admiral Zheng He, der sehr viel später, zwischen 1405 und 1418, die Meere befuhr und auf den amerikanischen Kontinent gestossen sein soll. Seine Abenteuer werden in dem Buch “Die wunderbaren Visionen der Sternenflotte“ dokumentiert, das um 1418 in China publiziert wurde. Aus derselben Zeit stammt die Erarbeitung einer Weltkarte durch die Chinesen, die auf jenes Abenteuer hinweist. Interessant ist die Tatsache, dass diese chinesische Karte verblüffend genau mit den inzwischen exakt vermessenen und kartographierten Umrissen Südamerikas auf unseren modernen Karten übereinstimmt. Des Weiteren gibt es Berichte, dass zwischen 1421 und 1423 verschiedene andere chinesische Admirale Expeditionen rund um die Welt unternommen haben und dabei verschiedene Punkte des amerikanischen Kontinents erreichten.

Unter zahlreichen Historikern ist die Meinung verbreitet, dass sich die europäischen Seefahrer des 15. Jahrhunderts Kopien dieser chinesischen Weltkarte bedienten und dadurch im Jahr 1492 Amerika erreichen konnten. Berichte aus jener Zeit suggerieren, dass der venezianische Abenteurer Niccolo da Conti die Weltkarte der Chinesen in seinen Besitz gebracht und sie an den berühmtesten Geographen jener Zeit, Fra Mauro (im Kloster von San Michele, Venedig) weitergegeben hat, der nach ihr die erste europäische Weltkarte (1459) angefertigt hat.

Vor der Ankunft der Europäer, und einem wahrscheinlichen Besuch Amerikas durch die Chinesen während des 15. Jahrhunderts, war Amazonien besetzt von jenen Völkern asiatischer Herkunft, die dort seit 14.000 Jahren, völlig isoliert von der übrigen Welt, ihr Leben gestalteten. Diese Zeit wird als “Präkolumbianische Periode“ bezeichnet (damit gemeint ist die Zeit vor der Ankunft des Christoph Kolumbus 1492 in Amerika) – sie ist in drei Abschnitte unterteilt: die “paleo-indigene“ (Steinzeiternährung), die “archaische“ und die “späte prähistorische“ Phase.

1Indio-dorf-historisch

In der “paleo-indigenen“ Phase war die Bevölkerung zahlenmässig gering, weit verteilt, und führte ein Nomadenleben, das auf dem Sammeln von Früchten und Molusken, dem Fischfang und der Jagd basierte. Man nimmt an, dass die paleo-indigene Besetzung Amazoniens vor zirka 11.200 Jahren ihren Anfang nahm.

In den archäologischen Fundstätten von “Monte Alegre” (Bundesstaat Pará) kann man Reste der Paleo-Indigenen besichtigen und immer noch entdecken, wie zum Beispiel Nahrungsreste, Werkzeuge aus bearbeiteten Steinen, verbranntes Holz von Lagerfeuern, Samen, Tierknochen und Schildkrötenpanzer. In den Bergen von “Erere, Paytuna und Aroxi“ gibt es eine Menge an Felszeichnungen in Farben, die aus Pflanzensäften und Steinpuder angefertigt wurden.

In der “Archaischen Phase“, vor etwa 8.000 bis 3.000 Jahren, begann die indigene Bevölkerung, die entlang des Amazonasstroms lebte, mit der Herstellung von Keramikutensilien. Diese Praxis war gegen Ende dieser Periode allgemein verbreitet. Zur Dekoration der Keramikbehälter verwendete man Pflanzenfarben oder ritzte eine reliefartige Zeichnung vor dem Brennen in den Ton. Einige dieser Stücke waren mit geometrischen Figuren in roter und weisser Farbe dekoriert.

In einigen Gebieten am unteren Amazonas befinden sich so genannte “Sambaquis“ – zum Beispiel in Tapeirinha, unweit von Santarém, im Bundesstaat Pará – mit Keramikoriginalen aus jener Periode. (Sambaqui – aus der Tupi-Sprache “samba’ki“ – bedeutet “Muschel-Haufen“. Dabei handelt es sich um von Menschen angehäuften Muschelschalen, die sich im Lauf der Zeit durch die Einwirkung von Wind, Sonne und Regen in Fossilien verwandelt haben). Und diese Funde beweisen, dass die indigenen Völker Amazoniens bereits ein Jahrtausend früher mit der Keramik-Produktion begonnen haben, als jene in den Anden, zum Beispiel die Inkas. An den Ufern des Rio Tapajós hat man ebenfalls Artefakte gefunden, die von diesen Ureinwohnern Amazoniens vor etwa 10.000 bis 6.000 Jahren angefertigt wurden.

Kleine Siedlungen gewannen vor zirka 5.000 Jahren in Amazonien zunehmend an Bedeutung, in denen die Bevölkerung sich mit dem Ackerbau beschäftigte – ein Wendepunkt war erreicht, an dem sich die Jäger und Sammler in eine Gesellschaft von Ackerbauern wandelte. Vermutlich legten sie ihre ersten Pflanzungen auf einer Basis von Maniokpflanzen an, die in dieser Region nachweislich bereits seit 7.000 Jahren kultiviert wurden.

Die Gesellschaft jener Ureinwohner hatte sich bis vor 4.000 Jahren erstaunlich entwickelt – mit einer dichten Bevölkerung von hierarchischer Prägung, die sich an den Ufern des Amazonasstroms ausgebreitet hatte. Sie hinterliessen materielle Spuren ihrer Existenz an den als “Terra Preta Indígena“ (Schwarze indigene Erde) bezeichneten Orten, zum Beispiel im Umkreis der Stadt Santarém. (Terra Preta Indigena findet man in verschiedenen Bodenschichten an Orten, an denen einst die prähistorischen Ureinwohner gelebt haben. Diese Erdschichten haben einen hochgradigen Gehalt an Kalk, Karbon, Magnesium, Mangan, Phosphor und Zink. Aus diesem Grund sind sie für den Ackerbau besonders gut geeignet).

Zu Beginn der “späten prähistorischen“ Phase (vor 3.000 Jahren) entwickelten die Ureinwohner Amazoniens eine Kultur der künstlich aufgeschichteten Bodenterassen für ihre Pflanzungen, in sporadisch überschwemmten Gebieten. Es folgten noch komplexere, hierarchisch gegliederte, menschliche Gesellschaften, die eine besonders attraktive Keramik produzierten – zum Beispiel die Keramik von der Insel Marajó (Cerâmica Marajoara) und die in der Region von Santarém bekannte “Cerâmica Tapajônica“ – beide im heutigen Bundesstaat Pará.

Aufgrund dieser Spuren jener antiken Völker (Wandmalereien, Sambaquis, Terra preta und künstliche Bodenterrassen), die von den Archäologen untersucht worden sind, steht es ausser Zweifel fest, dass es im Amazonasbecken ein weites und vielgestaltiges Netz indigener Gesellschaften gegeben hat. Nach Aussage des Archäologen Eduardo Neves darf man annehmen, dass in Amazonien vor der Invasion der Europäer mindestens fünf Millionen Eingeborene existiert haben.

Diese Urvölker entwickelten eine reiche kulturelle Vielfalt, die von wenigen nomadisierenden Jägern und Sammlern bis zu grossen Dörfern mit vielen Bewohnern reichte, die ihre Felder bearbeiteten und den Fischfang und die Jagd in grossem Rahmen betrieben. Ausserdem beschäftigten sie sich mit Viehzucht und betrieben Handel, verbunden mit weiten Reisen. Als Ernährungsbasis der Urbevölkerung im präkolumbianischen Amazonien diente vor allem die Maniokpflanze.

Die Maniok wurde zur Grundnahrung der urtümlichen Völker des Amazonas-Regenwaldes, weil sie verschiedene Vorteile bei der Pflanzung und der Ernte in sich vereint: Zum ersten braucht man, um sie zu kultivieren, lediglich ein Stück ihrer Wurzel in die Erde zu stecken. Zweitens kann man sie zu jeder Jahreszeit pflanzen, und nach der Ernte kann sie unter der Erdoberfläche oder unter Wasser einige Monate lang aufgehoben werden. Drittens bringt eine Maniokpflanzung verschiedene Ernten pro Jahr hervor. Viertens, weil verschiedene Maniok-Arten giftig sind, hat sich die Pflanze als resistent gegen Insektenfrass und Krankheiten erwiesen (und die Menschen haben gelernt, die toxischen Maniokarten zu entgiften). Und schliesslich ist die Pflanze reich an Kohlehydraten, die dem Körper Energie verleihen. So war es die Maniokpflanze, durch die der urtümliche Mensch Amazoniens vom Sammler zum Ackerbauern geworden ist.

Unter den Völkern, die grosse Dörfer angelegt hatten, befanden sich auch die “Tuxauá“ – ein kriegerisches Volk vom Rio Tapajós. Sie beherrschten ihren Lebensraum bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, als die Europäer nach Amazonien vordrangen. Ein Zentrum dieser indigenen Gesellschaft war die heutige Stadt Santarém. Die Tuxauá herrschten über zahlreiche Dörfer, die ihnen tributpflichtig waren. Sie bedienten sich der Arbeitskraft von Sklaven, die zur Errichtung von Verteidigungsanlagen gegen feindliche Angriffe herangezogen wurden, zum Bau von Häusern, der Anlage von Kultstätten, der Ausschachtung von Kanälen und Lagunen. Auch auf der Insel Marajó waren sie bis ins 14. Jahrhundert hinein präsent. Die Tuxauá besassen eine gut definierte gesellschaftliche Ordnung, in der ihre Frauen für die Feldarbeit und die Zubereitung der Nahrung verantwortlich waren, während die Männer auf die Jagd gingen, Krieg führten und religiöse Aktivitäten praktizierten.

Die archäologischen Forschungen des 20. Jahrhunderts deuten darauf hin, dass jene komplexeren indigenen Gesellschaften eine Vielfalt an Techniken zur Nutzung der Erde und zur Anreicherung des Bodens entwickelt hatten, die den natürlichen Bedingungen Amazoniens entsprachen. Sie verstanden es, ihre Lebensweise jeder Art von Umwelt in Amazonien anzupassen: den Wäldern entlang der Flüsse und Seen, den überschwemmten Ebenen der “Várzeas“ (Flussniederungen) und den Wäldern der “Terra Firme“ (höher gelegenes Festland, das nie überschwemmt wird). Deshalb war die Landschaft Amazoniens, wie sie von den ersten europäischen Forschern des 16. Jahrhunderts erlebt wurde, nicht nur das Ergebnis einer vielgestaltigen Natur, sondern auch ein Produkt menschlicher Einflussnahme über einen Zeitraum von Jahrtausenden.