Die Europäer kommen nach Amazonien

Veröffentlicht am 10. September 2014 - 15:27h

Die Europäer waren sehr überrascht, als sie am Anfang des 16. Jahrhunderts im Tal des Amazonasstroms an Land gingen und Dörfer mit einer relativ grossen Bevölkerungszahl vorfanden. Es gab indigene Siedlungen mit Tausenden Einwohnern, nachdem Amazoniens Gesellschaft diese Invasoren freundlich empfangen hatten, erlebte sie ihrerseits die schockierende Konsequenz ihrer Gastfreundschaft: Zuerst durch die kontinuierliche Invasion der unterschiedlichsten Abenteurer aus Spanien, Holland, Frankreich und England auf der Suche nach einem fantastischen Paradies, angefüllt mit wertvollen Edelmetallen, und dann während der Besetzung ihres Territoriums durch die Portugiesen und dem aufgezwungenen Lebensstil dieser Besatzer.

Im Verlauf von 250 Jahren portugiesischer Kolonisierung wurden zahlreiche indigene Völker durch die Feuerwaffen der Eroberer getötet und darüber hinaus von ansteckenden Krankheiten dezimiert, die von den Europäern eingeschleppt worden waren: Pocken, Masern, Mumps, Grippe, Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten reduzierten die indigene Bevölkerung Amazoniens drastisch. Zur Zeit des europäischen Erstkontakts befanden sich etwa fünf Millionen Indios im Amazonasbecken, von denen zirka drei Millionen auf brasilianischem Territorium lebten (Eine Schätzung von John Hemming auf der Basis von Berichten der Erstkontakte, nach den wahrscheinlichen Mengen der Umgekommenen und den Zahlen, sowie der Lokalisierung von überlebenden Indio-Stämmen). Gegenwärtig sind davon noch zirka 430.000 Indios übrig geblieben.

3Ankunft-Europäer-HandoutDie europäische Entdeckung beginnt gegen Ende des 15. Jahrhunderts, als Portugal und Spanien sich etwa zur gleichen Zeit entschliessen, die Meere zu befahren, um Reichtümer aus dem fernen Indien heranzuschaffen. Sie leiteten den orientalischen Seereisen-Zyklus ein, in der Absicht, ihre kommerziellen Routen zu erweitern. Im Auftrag der spanischen Krone befehligte auch der aus Genua stammende Cristoforo Colombo (Christoph Kolumbus) drei kleinere Karavellen – das Flaggschiff “Santa Maria“ und die beiden Begleitschiffe “Pinta“ und “Niña“ – mit denen er am 12. Oktober 1492 vor der Insel Guanaani, im heutigen Bahama-Archipel, vor Anker ging. Er nannte die Insel “Ilha de San Salvador. Ende 1499 erreichte der Kommandant der Karavelle “Niña”, Vicente Yañez Pinzón, der immer noch auf der Suche nach einem Seeweg zum Orient war, die Mündung des Amazonasstroms, im Bereich der heutigen “Ilha de Marajó“.

Also war Pinzón der erste Europäer, der den Amazonas erblickte – er nannte den Fluss “Santa Maria de la Mar Dulce“. Das Ergebnis jener maritim-kommerziellen Expansion war eine Eroberung neuer Ländereien für Spanien und Portugal und führte zu Spannungen und Konflikten zwischen beiden – was durch die Unterzeichnung des “Tratado de Tordesilhas“ (Vereinbarung von Tordesilhas), am 7. Juli 1494, geregelt wurde. Hauptbestandteil dieser Vereinbarung war eine imaginäre Linie, die in 370 Léguas (1 Légua = 6 km) vom Cap Verde Archipel (Afrika) entfernt, im Westen verlief. Und dieser Meridian unterteilte die Welt für Portugal und Spanien: Die Ländereien im Osten dieser Linie wurden Portugal zugestanden, die im Westen davon fielen an Spanien. Dadurch gehörte ein grosser Teil dessen, was man heute als Amazonien bezeichnet, im 16. Jahrhundert eigentlich formell den Spaniern. Tatsächlich verlief jene imaginäre Linie in der Nähe der heutigen Stadt Belém. Daraus ergibt sich, dass fast der gesamte Bundesstaat Pará, und das ganze Hinterland Amazoniens, damals unter spanischer Herrschaft standen.

Nach Pinzón erforschten andere europäische Abenteurer den Verlauf des Amazonasstroms, im 16. und 17. Jahrhundert. Zwei dieser Forscher gingen in die Geschichte ein: der Spanier Francisco de Orellana (1542) und der Portugiese Pedro Teixeira (1637).

Die erste Expedition auf dem Amazonas stand unter der Leitung eines jungen Spaniers aus der Region von Estremadura, mit Namen Francisco de Orellana, der anfangs die Expedition eines anderen Spaniers, des Gonzalo Pizarro, auf dem Rio Napo (heute Peru) begleitete. Beider Ziel war es, das legendäre “El Dorado“ zu entdecken, ein imaginäres Königreich, überladen mit Gold und regiert von einem Eingeborenen, dem “Goldenen Mann“, der seine Besucher mit Goldstaub bedeckte. Man stellte sich vor, dass “El Dorado“ auf dem Guyana-Plateau liegen müsse, einem Gebiet zwischen Venezuela, Guyana und Brasilien (im heutigen Bundesstaat Roraima). Die Orellana-Expedition von 1542 wurde von dem Mönch Frei Gaspar de Carvajal aufgezeichnet – sie dauerte acht Monate.

Wie schon gesagt, versuchten ausser den Portugiesen und Spaniern auch Franzosen, Holländer, Engländer, sogar Deutsche und Iren, im 16. Jahrhundert in Amazonien Fuss zu fassen. Frankreich, England und Holland kommandierten Piratenattacken und brachen in die Ländereien von Portugal und Spanien in Amerika, Afrika und Asien ein. Das war ihre Rache dafür, dass man sie im “Tratado de Tordesilhas“ nicht berücksichtigt hatte.

Carvajals Chronik setzte die Welt davon in Kenntnis, dass man entlang des Amazonasstroms bevölkerungsstarke und gut organisierte Gesellschaften vorgefunden hatte. Trotzdem zweifelten Wissenschaftler lange Zeit an der Objektivität jener Berichte, sie betrachteten sie als übertrieben. Der Wahrheitsgehalt von Carvajals Beschreibungen wurde erst kürzlich durch archäologische Funde bestätigt.

Allerdings noch während des 16. Jahrhunderts fingen die spanischen Abenteurer an, von der Eroberung des Amazonas-Tals abzulassen – wahrscheinlich weil sie kein Gold oder andere Schätze gefunden hatten, vielleicht auch deshalb, weil sie bereits das Gold der Inkas in Peru konfisziert hatten. Ausserdem stellten die Anden eine schwer zu überwindende Barriere dar, um zum Oberlauf des Amazonas zu gelangen. Also blieben nur ihre Missionare in der Amazonas-Region zurück. Und die Portugiesen waren ihrerseits bereit, die Grenzen zu überschreiten und damit die “Vereinbarung von Tordesilhas“ zu missachten.

Der Staat “Maranhão e Grão-Pará“ wurde durch eine “Carta Régia“ vom portugiesischen König, am 13. Juni 1621, gegründet. Er war vom “Staat Brasilien” unabhängig und dem Hof in Lissabon direkt untergeordnet. Zwischen 1626 und 1775 gehörten zu ihm die heutigen Bundesstaaten Ceará, Piauí, Maranhão, Pará und Amazonas. Die Hauptstadt war São Luís do Maranhão, obwohl Belém do Pará gegen Ende des 17. Jahrhunderts zum bedeutendsten kommerziellen Zentrum aufgestiegen war. Ab 1775 wurde der Staat unterteilt und hiess ab sofort “Estado de Grão Pará e Maranhão“.

Er wurde vom Oberbefehlshaber Jácomo Raimundo de Noronha regiert, der sich dazu entschloss, eine Expedition den Amazonas hinauf zu entsenden, um die Grenze zwischen Grão-Pará und jenen Territorien hinter den Anden zu sichern, die als Domäne der Spanier anzusehen waren (heute Peru, Ekuador und Kolumbien). Die Expedition bestand aus 2.000 Personen – in der Hauptsache Indios – startete in Cametá (Pará) und sollte bis nach Quito (Peru) auf dem Amazonas vordringen (“Reino de Quito“ war eine administrative Einheit des Spanischen Reiches, das die heutigen Territorien von Ekuador, Teile des peruanischen Nordens, Kolumbiens Süden und den Norden Brasiliens umfasste).

4Pedro Teixeira-WikipediaMan wählte Pedro Teixeira als Expeditionsleiter aus und instruierte ihn, auf Orte zu achten, die sich für die Errichtung von Forts eigneten, unter seinen Männern die Disziplin zu wahren und die Indios in freundschaftlicher Art und Weise zu behandeln. Ihm kommt der Verdienst zu, die Grenzen Portugals von Belém aus auf 1.200 Léguas (7.200 Kilometer) erweitert zu haben.

Tatsächlich begann der Vormarsch der portugiesischen Besatzung nach Westen im Jahr 1657, als der Korporal Bento Maciel Parente, der das Kommando einer “Tropa de Resgate“ innehatte – (das waren Soldaten mit der Aufgabe, wilden Indios ihre Hilfe zur Bekämpfung ihrer indigenen Feinde anzubieten, um sie selbst später in die portugiesische Sklaverei zu zwingen) – und von São Luis (Maranhão) losmarschierte und Monate später das Ufer des Rio Tarumã, im Gebiet des Rio Negro, erreichte (im heutigen Bundesstaat Amazonas). Die Truppe verblieb einige Zeit an der Mündung des Tarumã, wo man ein Kreuz errichtete und eine Messe lesen liess.

Die portugiesische Krone gründet im Jahr 1669 das Fort “São José da Barra“ am Rio Negro, in dessen Umfeld die heutige Hauptstadt Amazoniens, Manaus, entstand – 1.500 Kilometer von Belém entfernt und nur auf dem Wasserweg zu erreichen.

Die Besetzung des Territoriums durch die Portugiesen gelang in erster Linie mittels der Evangelisierung der Eingeborenen und durch den Handel mit den von ihnen angebotenen Naturprodukten aus dem Regenwald, die über Belém exportiert wurden und in Europa reissenden Absatz fanden.

Die Besetzung Amazoniens dauerte ein Jahrhundert – bis zur Unterzeichnung des “Tratado de Madrid“ im Jahr 1750, als die Könige von Portugal und Spanien ein Übereinkommen bezüglich der neuen Grenzen ihrer Länder in Südamerika, trafen. Da das amazonische Territorium zum Grossteil bereits in portugiesischer Hand war, überliessen die Spanier den Besitz jener Region, die wir heute als Amazonien bezeichnen, der portugiesischen Krone (ausgenommen der Bundesstaat Acre – der wurde von den Spaniern kolonisiert und gehörte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zu Bolivien.

Erst 1902 wurde er von Brasilien annektiert). Spanien behielt die anderen an Amazonien grenzenden Länder, in denen heute die spanische Sprache gesprochen wird: Venezuela, Kolumbien, Ekuador, Peru und Bolivien. Die so genannten “Guyanas“ und “Surinam“ wurden später von Engländern, Holländern und Franzosen kolonisiert.