Indianer Amazoniens

Veröffentlicht am 19. November 2011 - 14:53h

Drei Millionen erscheint eine annehmbare Schätzung zu sein hinsichtlich der Indianer, die einst in präkolumbianischer Zeit Amazonien bevölkerten. In unserer Gegenwart tendieren die überlebenden Gruppen, nach jahrzehntelangem Siechtum, wieder zum Wachstum der Bevölkerung. Nach heutigen Schätzungen bewohnen 160.000 “Ameríndios“ die Region des brasilianischen Teils Amazoniens, das sind 60% der 450.000 Eingeborenen des Landes. Es gibt 230 indigene Gesellschaften in Brasilien, 162 davon in Amazonien.

Die eingeborene Bevölkerung Amazoniens spricht 150 unterschiedliche Sprachen, die man in 12 linguistische Familien unterteilt hat (was allerdings nicht bedeutet, dass sich Personen aus derselben Sprachfamilie verstehen können). Man pflegt zu sagen, dass die brasilianische Identität auf der Sprache beruht, das heisst, dass die portugiesische Sprache alle Völker des Landes eint. Jedoch hat die Eingeborenensprache “Tupi-Guarani“ bis ins 18. Jahrhundert hinein das Portugiesisch der Kolonisatoren überlagert – besonders hinsichtlich der Umgangssprache im Innern des Landes. Aber nicht nur in der Sprache, sondern auch mit unzähligen Verrichtungen und Fertigkeiten im Umgang mit der Natur und ihren Produkten hat die indigene Urbevölkerung die nationale Gesellschaft beeinflusst.

Zum Beispiel wird die Maniok auf dieselbe Art und Weise angebaut und zu Mehl im Interior von São Paulo, in Minas Gerais, in Santa Catarina, in Mato Grosso, in den Bundesstaaten des Nordostens und in ganz Amazonien verarbeitet, wie es die indigenen Ureinwohner vorgemacht haben. Die Art und Weise des Fischfangs und die aus einem ausgehöhlten Baumstamm gefertigten Kanus (Ubás) sind ebenfalls Beispiele dieses Erbes. Die reiche brasilianische Küche präsentiert Gartechniken, Gewürzmischungen, Rezepte und Getränke mit indigener Basis: Beiju, Chibé (Jacuba), Tapioca, Paçoca von Fleisch oder Fisch, Moqueca, Pirão und Tucupi sind bekannte Beispiele.

Und der grösste Beitrag der brasilianischen Eingeborenen gegenüber dem Rest der Welt war die Züchtung und Nutzung von Pflanzen der üppigen tropischen Flora. Unzählige Medikamente, die eine Entspannung der Muskeln provozieren oder Krankheiten wie die Multiple Sklerose und Parkinson bekämpfen, enthalten ein aktives Alkaloid, das man im “Curare“ entdeckt hat, einem starken Gift, welches die Eingeborenen aus Lianen extrahieren, wie zum Beispiel der Chondodendron tomentosun, um ihre Pfeilspitzen damit zu bestreichen. Auch die “Seringueira“ – der Latex-Baum (Hevea brasiliensis) – der den Kolonisatoren grossen Reichtum bescherte, den sie nicht zu nutzen wussten – ist eine Entdeckung der Eingeborenen Brasiliens.

Anthropologen, Ethnologen, Ärzte und internationale Organisationen haben immer wieder die Öffentlichkeit auf die leidvolle Situation der indigenen Restbevölkerung Brasiliens aufmerksam gemacht. Der “Conselho Indigenista Missionário“, angeschlossen an die Katholische Kirche, die “Comissão Pro-Indio“, die “Associação Brasileira de Antropologia“ und andere Institutionen üben kontinuierlichen Druck auf die FUNAI (brasilianischer Indianerschutz) aus, um zu gewährleisten, dass diese Staatsbeamten ihrer Aufgabe entsprechen, die indigenen Völker Brasiliens zu schützen, sie zu verteidigen und ihnen gesundheitliche und soziale Assistenz zu gewähren.

Die Demarkierung der so genannten Ist (Indianer-Territorien) ist dabei der polemischste Punkt. In Amazonien leben 95.000 Indianer in 216 offiziell registrierten Gebieten, die von der FUNAI kontrolliert werden – insgesamt eine Fläche von 55,2 Millionen Hektar. Das entspricht zirka 10% des gesamten amazonensischen Territoriums.