Historischer Überblick

Veröffentlicht am 26. August 2014 - 16:17h

Es ist eine geheimnisvolle, immer noch umstrittene Geschichte, wenn man bedenkt, dass es noch keine schlüssigen Beweise über die Herkunft der ersten Menschen auf dem amerikanischen Kontinent gibt und vor allem, wie und wo genau sie eingewandert sind. Was man weiss ist, dass eine Einwanderung der ersten Menschen in Amazonien bereits vor über 14.000 Jahren stattgefunden hat – das kann man heute anhand von ausgegrabenen Fossilien und deren Altersbestimmung durch die Radiocarbon-Methode (auch C-14 genannt) einwandfrei feststellen. Jedoch ob die wahrscheinlichste aller möglichen Hypothesen, nämlich eine Einwanderung dieser Menschen über die Behringstrasse, im hohen Norden des Doppelkontinents, tatsächlich der Wahrheit entspricht, das kann immer noch niemand mit Bestimmtheit sagen.

beringstrasseBis vor zirka 10.000 Jahren waren der asiatische und der amerikanische Kontinent noch durch die “Beringia“ genannte Landbrücke, zwischen Sibirien und Alaska, verbunden, sodass Menschen zu Fuss von einem zum anderen Kontinent gelangen konnten – so die gängige Hypothese. Auch später, als beide Kontinente von einem 82 Kilometer breiten Kanal getrennt wurden, war der Übergang zu Fuss noch immer möglich, denn dieser Kanal fror während des Winters zu. Verständlich also, dass man von der durchaus plausiblen Theorie ausgeht, dass die ersten Menschen Südamerikas aus dem Norden kamen und im Verlauf von Generationen immer weiter nach Süden vorgedrungen sind.

Viele Jahrhunderte lebten diese Menschen als Jäger und Fischer in kleinen Familien-Clans, bis sie mit der Entwicklung des Ackerbaus begannen. Anstatt rastlos umherzustreifen und dem Wild nachzustellen, schlossen sie sich fortan zu grösseren Gemeinschaften zusammen, die den Boden gemeinsam bearbeiteten und was sie ernteten, miteinander teilten. Die Bearbeitung der Felder veranlasste sie, sich in einem dafür geeigneten Gebiet niederzulassen und sesshaft zu werden – auf die Jagd gingen die Männer fortan nach der Einsaat und vor der Ernte, wenn auf den Feldern nichts weiter zu tun war, und ihren Frauen fiel die Aufgabe zu, mit ihren Kindern durch den Wald zu streifen, um essbare Früchte, Nüsse, Schildkröteneier, Honig und andere Gaben der Natur zu sammeln, um damit ihren Nahrungsbedarf zu ergänzen.

Diese Menschen – bezeichnen wir sie vorerst einmal als “Ureinwohner“ – hatten sich etwa 2.000 Jahre vor Ankunft der ersten Europäer in Südamerika, von Jägern und Sammlern zu Ackerbauern entwickelt, und sich dem Regenwald so perfekt angepasst, dass sie es verstanden, aus ihm sämtliche Ressourcen für ihr Überleben und ihre Weiterentwicklung zu gewinnen – ohne damit, und das sollte man betonen, dem Wald und seinen Kreaturen irgendwelchen irreparablen Schaden zuzufügen. Im Gegenteil, diese Ureinwohner lebten in perfekter Harmonie mit ihrer Umwelt und waren sich ihrer Abhängigkeit von der Natur nicht nur bewusst, sondern verehrten sie und huldigten ihr in vielgestaltigen Riten und Zeremonien, brachten ihren spirituellen Repräsentanten – den Geistern des Himmels und der Erde, des Wassers, des Waldes und seiner Tiere – Bitt- und Dankopfer.

Als die ersten Europäer im 16. Jahrhundert bis an den Amazonasstrom vordrangen, stiessen sie auf einen von zahlreichen Ureinwohnern bewohnten Wald – auf Menschen, die sich, entsprechend ihrer unterschiedlichen Sprache und Kultur, zu selbständigen Kommunen zusammengeschlossen hatten, Menschen, die sich unbeschwert und fast nackt in einer scheinbar menschenfeindlichen Umwelt bewegten und den Europäern vertrauensvoll und freundlich entgegenkamen. Allerdings hatte diese Begegnung für die Ureinwohner fatale Folgen: Sie infizierten sich an von den Europäern eingeschleppten Viren – Epidemien grassierten und rafften ganze Völker dahin, darüber hinaus wurden sie von den in ihren Wald eindringenden weissen Siedlern mit Feuerwaffen aus ihren angestammten Wohngebieten vertrieben. Bis sie begriffen, dass die Begegnung mit dem weissen Mann ihnen nur Tod und Verderben gebracht hatte und sich in die unzugänglichsten Gebiete der Regenwaldwildnis zurückzogen.

Ebenfalls ist die Frage noch nicht geklärt, wie viele Ureinwohner es eigentlich waren, als die ersten Europäer mit ihnen zusammentrafen. Schätzungen, die auf unterschiedlichen Indizien beruhen, liegen mit sechs bis zehn Millionen Ureinwohnern so weit auseinander, dass sie lediglich die Unsicherheit der Wissenschaftler in dieser Frage beweisen – aber sie reichen aus, um sich das Ausmass der Vernichtung dieser Menschen, durch die Übertragung ansteckender Krankheiten und Gewaltmassnahmen seitens der Invasoren, vorstellen zu können.

Seit der ersten Begegnung mit den Europäern sind nur etwas mehr als fünfhundert Jahre vergangen, die jedoch die Ureinwohner davon überzeugt haben, dass man den weissen Invasoren nicht vertrauen kann – dass sie ohne Skrupel lügen, betrügen und töten, dass sie Männer versklaven, die Frauen vergewaltigen und das Land, das ihnen nicht gehört, ungeniert unter sich aufteilen. Für die Kultur der Ureinwohner interessierte sich niemand – und nachdem sie ihnen alles weggenommen hatten, schickten sie weisse Männer ganz in Schwarz zu ihnen, die ihnen ihren Gott als Wiedergutmachung anboten. Für das Volk der Guaraní-Caiová war das Ende der Welt gekommen – im solidarischen Suizid flohen sie zu den Geistern ihrer Ahnen. Ein anderes indigenes Volk in Amazonien tötete alle weiblichen Neugeburten, um sie später nicht durch die Prostitution in den Camps der Goldwäscher zu verlieren – und bereiteten damit ihre eigene Ausrottung vor.

indio-tanz-historisch

Im 19. Jahrhundert setzte sich die Bevölkerung Amazoniens in erster Linie aus gemischten Individuen zusammen – aus Indios (so nannte man die Ureinwohner seit der Entdeckung durch Kolumbus 1492), Weissen und afrikanischen Sklaven – die plötzlich aufhörten, ihre Arbeitskraft auf das Sammeln von Waldprodukten und die Bestellung der Felder zu konzentrieren, um sich fortan dem wachsenden Zyklus der Kautschuk-Produktion zu widmen, dessen steigende Nachfrage auf dem neu entstandenen Weltmarkt riesige Profite versprach. Aber diese Profite teilten die ohnehin reichen Barone von Belém und Manaus allein unter sich auf – sie trieben die architektonische und kulturelle Entwicklung dieser beiden grössten Städte Amazoniens voran – während das einfache Volk in die Röhre schaute, und die in den Kautschuk-Sammelcamps schwer arbeitenden indigenen Sklaven, durch den so genannten “Gummi-Boom“ nur noch schlimmer gedemütigt und mit roher Gewalt zur Erhöhung ihrer Produktion angetrieben wurden.

Durch die Krise in der Kautschuk-Produktion (ab 1910) begann das menschliche Leben in Amazonien zu stagnieren. Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entfernte sich Amazonien zunehmend aus dem Bewusstsein des restlichen Brasiliens – und geriet dann tatsächlich ein halbes Jahrhundert lang ganz in Vergessenheit. Erst 1960, als die Ideen einer nationalen Integration die Segel der Pioniere wieder blähten, als gewaltige neue Mineralienfunde grossen Entwicklungsprojekten Auftrieb verschafften, fing die Amazonas-Region wieder an, wirtschaftlich zu wachsen und neue Einwanderungsströme aus allen Teilen Brasiliens zu empfangen – besonders aus dem Süden des Landes. Aber diese Periode ist auch geprägt von einer drastischen Veränderung der Landschaft in Amazonien: dem Beginn einer skrupellosen Abholzung des Regenwaldes – für den Strassenbau, für die Einrichtung von Viehweiden und für die illegale Ausbeutung von Edelhölzern.

Gegenwärtig, im 21. Jahrhundert, besteht die grösste Herausforderung für die Menschen im bereits stark geschädigten Regenwald darin, in ihm eine wirtschaftliche Entwicklung auf der Basis seiner natürlichen Ressourcen aufzubauen, ohne ihn dadurch dauerhaft zu schädigen. Dafür werden viele und vielgestaltige Ideen und Initiativen entwickelt, darunter auch die Einrichtung von Schutzzonen und die Bekämpfung der illegalen Waldabholzung.