Fordlândia – die grosse Pleite im Amazonas-Regenwald » Seite 4

Veröffentlicht am 26. Dezember 2012 - 22:57h

Dieser Aufstand seiner brasilianischen Arbeiter war die Quittung auf Fords naiv-romantische Vorstellung vom amerikanischen Traum in einer vollkommen konträr funktionierenden Wildnis und den ihr angepassten Bewohnern – und er war nur eine von vielen weiteren Katastrophen, die seinen Ambitionen schliesslich, trotz der vielen Millionen Dollar, die er in sie hineingepumpt hatte, die Luft abdrehen sollten.

Die Reaktion der Amerikaner auf die Revolte vom Dezember 1930 war radikal: Sie warfen fast alle Arbeiter hinaus, rissen sämtliche Bars und Lasterhöhlen ab und planten einen Neubeginn. Mehrere Tausend neuer Arbeitskräfte wurden rekrutiert, man teerte die Strassen, richtete Schulen, Bäckereien und Fleischerläden ein – man spielte Golf und veranstaltete Wettbewerbe um den schönsten Garten.

1935 gründete Ford, auf 10.000 Hektar zirka einhundert Kilometer nördlich von Fordlândia, eine zweite US-Retortensiedlung und benannte sie “Belterra“ (Guter Boden), dort sollte, laut Auskunft der Einheimischen, das Terrain für eine Plantage besser beschaffen sein. Einen Moment sah es so aus, als ob die Amerikaner endlich den Widerstand der Wildnis gebrochen hatten. “Ford wird in Brasilien über eine Gummi-Plantage regieren, die grösser ist als der Staat North Carolina“, schrieb die Washington Post damals. Dass Fords Kampf gegen die Allmacht der Natur jedoch bereits verloren war, stellten seine Männer in den darauf folgenden Monaten fest: Da sie immer noch ohne die Beratung eines Experten auszukommen glaubten, pflanzten sie in ihrer Unwissenheit die Kautschuksetzlinge zu dicht nebeneinander – im Dschungel stehen die Originale weit voneinander entfernt – und bereiteten so den gefährlichen Schädlingen: Pilzen, Raupen und Käfern – eine ideale Reproduktionsgrundlage. Wochenlang bestand das Tagewerk der Arbeiter nur daraus, Hunderttausende Raupen zu sammeln und zu verbrennen und die Blätter mit Insektiziden zu besprühen. Es war alles umsonst – Millionen Bäumchen starben ab. In Fordlândia wurde deshalb nie auch nur ein einziges Kilo Kautschuk geerntet – in Belterra gelang 1942 eine einmalige Ernte von 750 Tonnen – ein Jahr später wurde auch diese Plantage von einer Raupenplage befallen, die alle Bäume zerstörte.

Ford hatte nicht an Investitionen gespart – auch nicht während der weltweiten Depression. Rund 20 Millionen Dollar hatte er in sein Amazonien-Projekt investiert (fast 235 Millionen Dollar nach heutigem Wert), ohne je einen Cent zurückbekommen zu haben. Als sich der inzwischen 82-jährige im Jahr 1945 von seinen Geschäften zurückzog, war die erste Amtshandlung seines Sohnes Edsel der Verkauf des gesamten Besitzes in Amazonien, für den er die lächerliche Summe von 244.200 Dollar erhielt – und die entsprachen genau dem Wert, den er noch seinen Arbeitern als Abschlag schuldete.

Heute widmen sich die rund 10.000 Einwohner von Fordlândia und Belterra vor allem dem Anbau von Soja und der Viehzucht. Und sie bemühen sich nebenbei den Tourismus anzukurbeln, der vor allem durch ihre ungewöhnliche historische Vergangenheit ein gewisses Entwicklungspotenzial darstellt. Eine der Sehenswürdigkeiten ist das Haus Nummer 01 – es wurde gebaut für den Empfang von Henry Ford, der niemals seinen Fuss auf brasilianischen Boden gesetzt hat. Die Fabriksirene – in diesem Fall ist es eine Dampfpfeife – ertönt immer noch viermal am Tag, so wie sie es damals tat, um die Schichtwechsel anzukündigen. Einige Wenige der heutigen Bewohner warten immer noch darauf, dass ein Nachkomme der Familie Ford vielleicht eines Tages hier zu einem Besuch erscheint. In einem Reiseprospekt heisst es: “Fordlândia wurde geboren und starb in Erwartung eines Besuchs seines Gründers und hält das beste Haus in permanenter Bereitschaft für ihn“!

Näher am Fluss Tapajós leben immer noch ein paar ehemalige brasilianischen Ford-Arbeiter in kleineren Bungalows am Rand dreier langer Avenidas – obwohl sie später umbenannt wurden, erinnern sich die Bewohner noch gut an ihre früheren Namen: Die dem Fluss am nächsten gelegene trug den Namen “Riverside Avenue“, die mit dem grössten Abstand war die “Hillside“, und in der Mitte lag die “Main Street“. Elektrizitäts- und Sägewerk, beide mit eingelassenen Fenstern vom Boden bis zum Dach, trennten die beiden Wohnbezirke. Die Turbinen und Generatoren sind aus dem Maschinenraum entfernt worden, aber andere Maschinenteile liegen immer noch im Sägewerk herum. Rund ein Dutzend “Landis Machine Company“ Pressen und Stanzen tragen die Marke “Made in the USA“ und aussen, begraben im Dschungelgras, verbogene Schienen – Überbleibsel einer drei Meilen langen Bahnlinie, auf der man Baumstämme zur Sägerei transportierte.

Fordlândias erstaunlichstes Gebäude befindet sich etwas zurückgesetzt vom Fluss, eine halbe Meile nach innen auf einem Hügel. Es ist das Wrack eines Hundert-Betten-Hospitals, das nach einer Skizze von Albert Kahn, Fords Hausarchitekt, gebaut wurde. Geschickt proportioniert, gut durchlüftet, mit grosszügigen Traufen und Dachfenstern, die sich über das geneigte Dach wölben, ähnelt das lange, schmale Dschungelsanatorium stark Kahns gefeierter “Highland Park” Fabrik in Detroit. Innen sind zwei Schlafsäle mit einer Reihe von Räumen verbunden, deren Aufschriften ihre ehemalige Funktion bezeichnen. Die meisten Betten sind verschwunden, aber einige Stücke der Einrichtung aus Metall und Glas – die heute altmodisch aussehen, jedoch um 1930 modern waren – sind übrig geblieben. Der gynäkologische Raum hat noch seinen Untersuchungstisch, die Chirurgie und Röntgenabteilung sind leer, aber im Labor liegen noch ein paar Flaschen und Teströhren herum, und die Karteikarten der letzten Patienten sind auf dem Boden verstreut.

Anders als die englischen Zeitungen des neunzehnten Jahrhunderts, die das Kommen der Industrialisierung beklagten, betrachtete Henry Ford die Maschine nicht als “Beschmutzer des Gartens Natur” sondern als harmonische Ergänzung. Diese Auffassung wird durch die Erinnerung von Fordlândia-Bewohnern bestätigt – die meisten allerdings zu jung, um selbst den “American Way of Life” am Tapajós erlebt zu haben – aber sie sprechen wohlwollend von den guten Arbeitsbedingungen, die Ford ihren Vätern und Grossvätern einst geboten hatte, und loben die kostenlose medizinische Behandlung in seinem Hospital. “As coisas foram bom demais” – es war fast zu schön, sagt ein alter Mann, der als kleiner Junge damals hergekommen war, als sein Vater einen Job auf der Plantage bekam. Fords damaliges Sozialprogramm unterscheidet sich sehr positiv von dem, was den Bewohnern derselben Amazonasregion heutzutage geboten wird. Ein Arzt, der eine Gruppe Medizinstudenten aus São Paulo während eines Besuchs in Fordlândia und Belterra, im Jahr 2006, begleitete, meinte dazu: “Bewohner die krank werden, haben zwei Möglichkeiten – die mit Geld fahren den Fluss hinab zu einem Arzt – die, welche kein Geld haben, lernen, ihr Leiden zu ertragen”.

América Lobato, sie war einundachtzig Jahre alt, als Greg Grandin sie besuchte, begann im Alter von sechzehn Jahren als Babysitter in der Familie eines Ford-Managers, und deshalb bekam sie später eine kleine Pension vom brasilianischen Staat. Sie erinnert sich, dass das Hospital nicht nur Angestellte der Company behandelte sondern Patienten aus ganz Brasilien akzeptierte. “Sie konnten zwar keine komplizierten Operationen ausführen, wie zum Beispiel am Herz”, sagte sie, “aber so Sachen wie einen Blinddarm oder die Leber, das konnten sie allemal”! América ist inzwischen gestorben, aber während der letzten Jahre ihres Lebens musste sie fast einen ganzen Tag mit dem Boot fahren, um einen Spezialisten aufzusuchen, der ihre zunehmende Sehschwäche und einen Tumor an den Beinen behandelte.

Die brasilianische Regierung hat sich nie dafür interessiert, die bestehende Infrastruktur der beiden Orte zu nutzen. Fordlândia ist Beispiel eines Zivilisationsprojekts, das durch Arroganz und Misswirtschaft geschändet, vom Dschungel wieder verschlungen wurde.

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