Passionsblumen im Amazonien

Veröffentlicht am 22. November 2011 - 11:55h

Die Passionsblumen auch Passionsblumengewächse oder Kletterpflanzen mit den phantastischen Blüten aus der Familie der Passifloraceae – sie besteht aus 25 Gattungen und 725 Arten – stammen fast alle aus der „Neuen Welt“, wie man Zentral- und Südamerika zu Entdeckerzeiten bezeichnete. Es sind ausdauernde tropische und subtropische Lianen, die so genannte Sprossranken bilden, mit denen sie an Bäumen empor klettern. Nicht so bekannt dagegen ist es, dass es in derselben Familie auch Sträucher und sogar Bäume ohne solche Ranken gibt – die im Amazonasgebiet, zum Beispiel, verbreitet sind. Abgesehen von dieser neotropischen Wiege der Passionsblumengewächse, kommen zirka 25 Arten in Australien, Südostasien und Ozeanien vor.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der mythologische Hintergrund, welcher diesen Pflanzen – respektive dem aussergewöhnlichen Design ihrer Blüten – den kuriosen botanischen Gattungsnamen gab: Er stammt vom lateinischen Wort „Passion“ = Passion (Christi) und „Flöz“ = Blume, Blüte – damit entspricht er unserer deutschen Bezeichnung „Passionsblume“. Es waren spanische Missionare, von denen die Pflanze und ihre Blüten am Anfang des 16. Jahrhunderts in Amazonien entdeckt wurden. Besonders die fleischfarbene Blüte der Passiflora incarnata hatte es ihnen angetan – in ihr meinten sie zahlreiche christliche Symbole zu erkennen, mit denen sie den gesamten Leidensweg Christi bis zu seiner Kreuzigung interpretieren konnten : Die drei Narben symbolisieren die drei Nägel, mit denen die römischen Soldaten Jesus ans Kreuz schlugen (oder auch die Dreifaltigkeit) – die fünf Staubblätter interpretierten sie als die fünf ihm beigebrachten Wunden – den mit Essig getränkten Schwamm sahen sie im Fruchtknoten – die Röhre unter dem Fruchtknoten ist der Kelch des letzten Abendmahls – die strahlige Nebenkrone wurde als die Dornenkrone Jesu interpretiert – die zehn Blütenblätter stellen die zehn Jünger dar (weil Judas und Petrus beim Abendmahl fehlten).

Blätter und Sprossranken runden diese Interpretation ab: Die fünflappigen Blätter sind die Hände, und die Ranken sind die Peitschen der Peiniger Christi. Die dunkelrote Färbung der Art Passiflora incarnata symbolisiert letztendlich noch das vergossene Blut unseres Heilands. Nur das eigentliche Symbol des Kreuzes fehlt in dieser Interpretation – und das erklärten die Missionare so: „Die sanfte, milde Natur lässt eine Darstellung dieser äussersten Schmerzempfindung nicht zu“!

Turnera coerulea DC.
Passiflore bleue (Passiflora caerulea), Gironde. Chemin de Compostelle, Mont-Saint-Michel à Mimizan
Passiflora vitifolia with ant
Passiflora vitifolia
Passiflora vitifolia
Passiflora membranacea 1a
Passiflora nelsonii tendrils
Passiflora quadrangularis
Passiflora quadrangularis 1a
Passiflora suberosa
Passiflora Sunburst 1a
Passiflora Sunburst 1b
Passiflora bahamensis
Piriqueta cistoides subsp. caroliniana 2a
Passiflora bahamensis
Piriqueta cistoides subsp. caroliniana 2a
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Die Blätter der einzelnen Arten sind so unterschiedlich beschaffen, dass man nicht von einer gattungstypischen Blattform sprechen kann. Viele Arten bringen sogar an ein und derselben Pflanze unterschiedliche Blattformen hervor. Und das hat einen besonderen Grund: Die Pflanze ahmt so die Blattformen ihrer Nachbarschaft nach, um sich vor Fressfeinden zu schützen. Ausserdem enthalten ihre Blätter ein giftiges Blausäure-Glykosid und werden schon deshalb von Insekten verschmäht. Nur die Raupen des Maracujá-Falters (aus der Gattung Nymphalidae) lässt sich dadurch nicht beeindrucken – diese Falter legen ihre Eier exklusiv an Blättern der Passionsblumen ab, und die Raupen absorbieren das Gift und werden so für ihre Feinde ungeniessbar. Auch die ausgewachsenen Schmetterlinge sind in dieser Hinsicht noch giftig, und ihre auffällige Warnzeichnung zeigt dies ihren Fressfeinden an.

Die Tricks der Passifloraceae um Raupen fernzuhalten, sind allerdings damit noch lange nicht ausgereizt: Einige Arten haben Blätter mit starken hakenförmigen Haaren entwickelt, in ihnen verfangen sich die Raupen und verletzen sie tödlich. Andere haben an den Blattstielen gut erkennbare Nektardrüsen entwickelt, deren süsser Saft Ameisen und Wespen anlockt, die sich auch von den Schmetterlingseiern und deren Raupen ernähren.

Und der raffinierteste Trick: Passiflora hellerie, zum Beispiel, entwickelt an der Unterseite ihrer Blätter zwei Reihen von winzigen „Beulen“, welche auf der Oberseite als gelbe Flecken zu erkennen sind. Damit imitiert die Pflanze sowohl Eier als auch Legemuster der Marcujá-Falter, die dann durch diese Attrappen von der eigenen Eiablage Abstand nehmen, weil sie meinen, dass die Blätter bereits „besetzt“ sind.