Die bedrohten Arten der “Roten Liste”

Veröffentlicht am 6. August 2012 - 14:34h unter Nachrichten aus Amazonien, News zu Abholzung & Co.

Wussten Sie, dass bisher 96% der auf unserem Planeten existenten Arten hinsichtlich einer eventuellen Bedrohung durch Aussterben überhaupt noch nicht untersucht worden sind? Und, dass sich allein unter den 4% der bereits untersuchten Arten um die 20.000 auf der so genannten “Roten Liste“ der IUCN (Internationale Union für die Erhaltung der Natur) als “bedrohte Arten“ befinden?

Die IUCN hat kürzlich ihre besagte “Rote Liste“ aktualisiert – 247 Arten sind in der Kategorie “bedroht“ dazu gekommen – davon 60 Vogelarten. Nach dieser Aktualisierung ist die Zahl der bedrohten Arten auf unserem Planeten auf 20.000 angewachsen.

Bisher hat die IUCN 63.837 Arten ausgewertet, und das sind lediglich 4% der bekannten Spezies unserer Welt. Die Situation der anderen 96% ist den Wissenschaftlern bisher noch unbekannt – was das Wissen um die tatsächliche Situation in der Natur unseres Planeten als bruchstückhaft entlarvt.

Schon seit längerer Zeit leidet die “Rote Liste“ unter fehlender finanzieller Unterstützung und hängt sehr von volontärer Arbeit betreffend der Analysen und Aktualisierungen ab. 2010 verlangten Forscher 60 Millionen USD für die Verdreifachung der Artenbewertung – inklusive weiteren 35.000 Wirbeltieren, 38.000 Wirbellosen, 25.000 Pflanzen und 14.500 Pilzarten. Die Wissenschaftler argumentieren, dass jene essenziellen Analysen das so dringend notwendige “Barometer der Biodiversifikation“ geschaffen haben. Bis jetzt fand die Initiative keine Unterstützung.

Auf der Liste sind ein Viertel der Säugetiere, 13% der Vögel und, besonders schockierend, 41% der Amphibien gegenwärtig vom Aussterben bedroht. Vom Gesamt der “Bedrohten“ sind 31% allein Amphibien!

Eine andere signifikante Zahl der Roten Liste enthüllt, dass 10% aller im asiatischen Südosten vorkommenden Schlangen bedroht sind – viele durch die Landwirtschaft, die Produktion von Antiserum und durch den Handel mit dekorativen Häuten. Eine der berühmtesten Schlangen, die Königskobra (Ophiophagus Hannah) wird als “gefährdet” geführt, wegen dem Verlust von Lebensraum und pharmazeutischer Interessen. Eine andere bekannte Schlange, die Birmanesische Python (Python bivittatus) ist ebenfalls als “gefährdet“ registriert wegen einer exzessiven Jagd zu Ernährungszwecken und ihrer Haut. Die kontinuierliche Waldzerstörung bringt viele andere Arten in Bedrängnis.

“Mehr als die Hälfte aller Schlangen, die als “bedroht“ identifiziert wurden (das sind 57%), befinden sich in dieser Risiko-Situation durch den Verlust ihres Lebensraums“, erklärt Russel Mittermeier, Vizepräsident der IUCN und Präsident der “Conservation International“.

In 2012 hat man auch eine Aktualisierung der mehr als 10.000 Vogelarten unseres Planeten vorgenommen, was alle vier Jahre gemacht wird. Ergebnis ist eine besondere Sorge hinsichtlich der Vögel Amazoniens. Der Status von 100 Arten Amazoniens wurde mit einem erhöhten Bedrohungs-Niveau aktualisiert, zum Beispiel der Rotohr-Schlüpfer (Synallaxis kollari) – er musste aus der Rubrik “bedroht“ in die Rubrik “kritisch bedroht“ verlegt werden – und der Schmalschnabel-Ameisenfänger (Cercomacra carbonaria) von “fast bedroht“ auf “kritisch“. Die Wissenschaftler machen darauf aufmerksam, dass die Situation unter den Vögeln Amazoniens noch viel schlimmer werden wird, wenn die brasilianischen Umweltgesetze weiter an Durchsetzungsvermögen verlieren.

Jedoch sind nicht alle Ergebnisse der Roten Liste schlecht. Gezielte Anstrengungen zur Erhaltung haben zum Beispiel den Vogel Rarotonga-Monarch (Pomarea dimidiata) vom Rand der Bedrohung zurückgeholt. Er ist endemisch auf dem Rarotonga-Archipel – das heisst, er existiert nur dort – und seine Population hat sich soweit erholt, dass diese Art nunmehr in die Rubrik “gefährdet“ zurück gestuft werden konnte – noch braucht er allerdings die Unterstützung der Umweltschützer.

Der Restingaameisenfänger (Formicivora littoralis), er stammt aus den brasilianischen Restingas (Küstenvegetation) konnte von “kritisch bedroht“ auf “bedroht“ zurück gestuft werden, nachdem man feststellen konnte, dass seine Population doch ein bisschen grösser ist, als bisher angenommen.

Die Liste steht an einigen Stellen im Gegensatz zu verschiedenen Studien, die mehrere Arten als bereits “ausgestorben“ angeben. Das ist zum Beispiel der Fall bei der Zwergfledermaus der australischen Christmas Islands (Pipistrellus murrayi), die in einigen Publikationen schon seit 2009 als ausgestorben aufgeführt wird.

Der Chinesische Flussdelfin (Lipotes vexillifer) vom Jangtse-Fluss ist ebenfalls auf der Liste als “kritisch bedroht“ verblieben, obwohl die Mehrheit der einheimischen Fischer glauben, dass er wahrscheinlich endgültig ausgerottet worden ist. Eine Forschungsgruppe im Jahr 2006 konnte nicht ein einziges Exemplar sichten.

Die Zurückhaltung der “Roten Liste“ erklärt sich aus der Tatsache, dass es immer wieder Arten gibt, die nach dem angeblichen Aussterben plötzlich wieder auftauchen. Zum Beispiel gab es in diesem Jahr wieder zwei Fälle, die von der Rubrik “ausgestorben“ zurück in die Rubrik “kritisch bedroht“ versetzt werden konnten. Einer davon war der Israelische Scheibenzüngler (Discoglossus nigriventer), dieser Frosch wurde seit 1955 nicht mehr gesichtet – und nun plötzlich wiederentdeckt.

Der Alarm der Wissenschaftler betreffs einer massiven Ausrottungs-Epoche dauert bereits Jahrzehnte an. Die Zerstörung und Degradierung des natürlichen Ambientes, die Überfischung, die Verschmutzung und die klimatischen Veränderungen sind die Hauptgründe für das Verschwinden der Fauna und der Flora – mit zunehmender Tendenz.

“Die jüngste Aktualisierung der Roten Liste der IUCN hebt die Auswirkungen auf die weltweite Biodiversifikation hervor – auch auf die Arten, von denen die Ernährung der Bevölkerung, ihre medizinische Versorgung, sauberes Wasser etc. abhängen“, beklagt Richard Edwards, Chef der “Wildscreen“, die mit der IUCN bezüglich Bewusstmachung der bedrohten Arten zusammenarbeitet. “Wir müssen der Allgemeinheit die Bedeutung, den Wert und den Nutzen einer jeden Art vermitteln, wenn wir sie vor der Ausrottung bewahren wollen“.

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