„Count-Down am Xingu II“ – eindringliche Reportage über Staudammprojekt Belo Monte

Veröffentlicht am 4. April 2012 - 17:07h unter Aktuelles aus Brasilien

Bürger-Protest an der Baustelle: WIR WOLLEN BELO MONTE NICHT

„Belo Monte“: Bei kaum einem anderen Begriff erhitzen sich in Brasilien die Gemüter so extrem, prallen so unterschiedliche Ansichten aufeinander. Um das für und wider rund um das gigantische Staudammprojekt im Herzen des amazonischen Regenwaldes am Rio Xingu wird seit Jahrzehnten gestritten. Die Regierung in Brasília hat das Projekt nun vorerst trotz zahlreicher Proteste durchgesetzt – der Bau an einem Zufluss des Amazonas-Riesenstroms hat mittlerweile begonnen.

Für die Indigenen ist der Xingu ein heiliger Fluss. Ihre Ufergebiete müssen sie nun bald räumen, sie fürchten durch die Aufstauung des Stroms zudem um ihre Lebensgrundlage. Filmemacher Martin Keßler beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema und ist mehrfach in die abgelegene Region im Norden des Landes gereist. Bei seinen Besuchen nahe der Kleinstadt Altamira beobachtete er mit seiner Kamera die Protestbewegungen, ließ Betroffene und Kritiker zu Wort kommen und deckte auch die Verbindungen europäischer Großkonzerne zu dem Mammutprojekt auf. Entstanden ist daraus die einstündige Reportage „Count-Down am Xingu II“, die im Mai offiziell Deutschlandpremiere feiert.

30.000 Angehörige indigener Gruppen sowie dort ansässige Flussanwohner werden vermutlich ihren angestammten Lebensraum verlassen müssen, wenn nach Errichtung der Staumauer fast 600 Quadratkilometer Regenwald überflutet werden. Dafür soll dann durch die Wasserkraft des Flusses dringend in Brasilien benötigte Energie umweltfreundlich produziert werden, begründet die Regierung unter Staatspräsidentin Dilma Rousseff das Projekt. Dies sei auch wichtig für die „nachhaltige Entwicklung“ der Amazonasregion und der dort lebenden Menschen.

Dom Erwin Kräutler, katholischer Bischof von Altamira und Träger des alternativen Nobelpreises, glaubt diesen Behauptungen nicht. „Das Gerede, Brasilien braucht Energie, ist falsch. Denn diese Energie ist nicht für das brasilianische Volk, sondern für die Aluminiumindustrie, die für den Export produziert“ führt der engagierte Geistliche in der Reportage aus. Auch seien noch 12 Gerichtsprozesse anhängig, die jedoch die Regierung nicht interessiere und daher den Bau einfach fortsetze.

Keßler lässt noch eine Vielzahl weiterer Personen in seiner überzeugenden Dokumentation zu Wort kommen, die über die Auswirkungen von Belo Monte aus erster Hand berichten können. Der erfahrene Filmemacher kann dem Zuschauer jedoch kaum die Gelegenheit bieten, sich ein differenzierteres Bild zu machen. Schuld daran sind allerdings Politik und Industrie, die wie schon so oft bei kritischer Berichterstattung nicht zur Verfügung standen, wie Keßler auf telefonische Nachfrage dem AmazonasPortal mitteilte. So erfährt man am Ende nur indirekt durch das beharrliche Schweigen, dass die Verantwortlichen das Mammutprojekt aller Widerstände zum Trotz und unter dem Verdacht der Rechtsbeugung vehement durchsetzen wollen.

Auch wenn die deutlich politisierte Reportage keinesfalls den gigantischen Gesamtzusammenhang über die weitere Entwicklung Amazoniens beleuchten kann: die Veröffentlichung kurz vor der UN-Nachhaltigkeitskonferenz Rio+20 bietet durch die punktuelle Betrachtungsweise am Rio Xingu eine gute Grundlage für eine Diskussion über die rund 70 weiteren geplanten Wasserkraftwerke im größten Ökosystem unseres Planeten. Schon alleine dies macht die Dokumentation zum Pflichtprogramm für all diejenigen, denen ein verantwortungsvoller Umgang mit der Natur und den von und mit ihr lebenden Menschen am Herzen liegt.

Offizielle Premiere feiert „Count-Down am Xingu II“ am 06. Mai 2012 im Babylon-Kino in Berlin, danach soll der Film im Rahmen einer Deutschland-Tournee auch in zahlreichen anderen Städten gezeigt werden. Bereits jetzt kann die Reportage als DVD vorbestellt werden. Mehr Informationen unter http://neuewut.de.

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Autor: Dietmar Lang