Lebensräume der Piranhas

Veröffentlicht am 15. November 2012 - 21:15h

Nur vier Gattungen – Serrasalmus (Schwarzer Piranha), Pristobrycon (Carabitos Piranha), Pygocentrus (Roter Piranha), und Pygopristis werden als “echte“ Piranhas anerkannt, und zwar wegen ihrer speziellen Zähne. Alle Piranhas haben im Ober- und Unterkiefer je eine einzige Reihe scharfer Zähne – diese Zahnreihen greifen perfekt ineinander – wie bei zwei Zahnrädern – und dienen zum Zerhacken und Zerreissen der Beute. Die Zähne sind triangular, flach im Profil, laufen spitz zu und sind rasiermesserscharf. Die gesamte Anzahl der Piranha-Arten ist unbekannt und wird diskutiert – neue Arten werden immer wieder entdeckt und beschrieben. Schätzungen reichen von weniger als 30 bis mehr als 60 Arten. Piranhas werden in freier Wildbahn bis zu 15 Jahre alt – in Aquarien hat man beobachtet, dass sie sogar über 30 Jahre alt werden können.

Ihr bevorzugter Lebensraum in Südamerika sind die so genannten “Weisswasserflüsse“. Das sind sehr nährstoffreiche Gewässer, die von mitgeführten Mineralien und Lehm milchig trüb erscheinen. In ihren Randzonen, den so genannten “Várzeas“, sinken die das Wasser trübenden Stoffe ab und befruchten die flachen Ufer – das Wasser wird hier transparenter und durch die Sonneneinstrahlung bis auf 30oC aufgeheizt, viele Wasserpflanzenarten wachsen hier. An de Spitze der aquatischen Fauna stehen die Piranhas als Raubfische. Zu den typischen Weisswasserflüssen gehören zum Beispiel: der Amazonas, der Solimões, der Rio Paraguay und der Rio Paraná – sie alle beherbergen auch die meisten Piranha-Spezies. Die so genannten “Schwarzwasserflüsse“ – dazu gehört zum Beispiel der Rio Negro und seine Nebenflüsse – sind praktisch “piranhafrei“, das hat mit ihrer besonderen chemischen Zusammensetzung zutun. Erst in den Mischwasserzonen – an Einmündungen von Schwarzwassern in Weisswasser – trifft man wieder auf Piranhas. Ähnlich verhält es sich auch mit den “Klarwasserflüssen“, wie zum Beispiel dem Rio Tapajós oder dem Rio Xingu, die sind zwar an Fischen sehr artenreich, aber auch sie enthalten keine Piranhas, die erst wieder in ihrem Mündungsbereich ins Weisswasser des Amazonas in Erscheinung treten.

Piranhas lieben langsam fliessende und stehende Gewässer – tote Flussarme zum Beispiel, Seen und durch Überschwemmung entstandene Lagunen. Dort befestigen sie ihren Laich an den Wurzeln von Seerosen und anderen Wasserpflanzen nahe der Wasseroberfläche. Dieses Gelege wird intensiv von beiden Eltern gepflegt. Nach dem Schlüpfen der Jungfische versorgt und verteidigt das Männchen die Brut – bis die Jungen soweit gewachsen sind, dass sie sich vom Nest entfernen.

Man findet Piranhas im gesamten Amazonasbecken, im Stromgebiet des Orinoco, den Flüssen der Guyanas, dem Rio Paraná in Paraguay und dem Flusssystem des Rio São Francisco. Einige Arten sind besonders weit verbreitet und kommen inzwischen auch in anderen als den genannten hydrografischen Becken vor, während andere eher eine begrenzte Verbreitung zu haben scheinen. Piranhas wurden als Aquarium Fische in verschiedenen Teilen der USA eingeführt, was zur Folge hatte, dass man sie gelegentlich im “Potomac River“, im “Lake of the Ozarks“ in Missouri und sogar so weit nördlich wie dem “Lake Winnebago“ in Wisconsin entdeckte – obwohl sie keine strengen Winter überleben können. Zwei Mädchen, die in einem Tümpel auf “Staten Island“ in der Stadt New York angelten, fingen einen Roten Piranha. Des Weiteren hat man Piranhas im “Kaptai Lake“, im Südosten von Bangladesh entdeckt – und sogar im “Lijiang-Fluss in China. Natürlich hat man versucht herauszufinden, wie es möglich ist, dass sich Piranhas von ihrem ursprünglichen Lebensraum in so weit entfernte Ecken der Welt ausgebreitet haben, und kam zu dem Ergebnis, dass ein paar Zierfischschmuggler sie wohl in diesem See ausgesetzt haben, um zu verhindern, dass sie von der Polizei festgenommen würden.

Aber haben Sie gewusst, dass auch in der Alster schon Piranhas gefangen wurden? Ja, in der Hamburger Alster! Ging vor ein paar Jahren durch die Presse – und ein Hamburger Bürger äusserte sich folgendermassen dazu: “Doch, das hab’ ich längst gewusst, dass hier in der Alster Piranhas gefangen werden! Wenn die nämlich im Aquarium zuhause zu gross werden, dann transportiert sie der Besitzer zu irgendeinem Naturgewässer und schmeisst sie da rein…“

Zwischenfrage: “Aber den Winter können sie doch nicht überleben – oder?“

“Aber klar doch! Daran gewöhnen die sich! Ich hab’ selbst einen Bekannten, der immer in der Alster angelt, und der hat einen Piranha von vierzig Zentimeter gefangen – in der Alster, wenn ich’s Ihnen sage! Manchmal fängt er Sonnenbarsche – ist doch allgemein bekannt, dass die Leute ihre Aquarien hier in den Gewässern entsorgen. Die schaffen sich zum Beispiel kleine Welse an – dann werden die gross, zu gross – also schmeissen sie die hier rein. Ich selbst seh’ immer wieder Goldfische in einigen unserer Gewässer und hab’ mich gefragt, wie die da reinkommen? Ganz einfach: Da macht einer seinen Zierteich leer und schmeisst sie weg – irgendwo in ein Gewässer. Und hier an der Alster: Da will einer in Urlaub gehen und hat die Schnauze voll vom Problem, jemanden zu finden, der seine Fische regelmässig füttert – also kippt er sie in die Alster. Sie machen sich ja keine Vorstellung, wie viele Fische in unserer Alster schwimmen, die da gar nicht rein gehören…!“

Das Aussetzen von Piranhas ist in den USA streng verboten, um zu verhindern, dass sich die Raubfische in den wärmeren Gewässern, wie zum Beispiel von Kalifornien und Florida vermehren könnten. Es gibt eine Erfahrung aus dem Jahr 1977, als Piranhas der Gattung Serrasalmus humeralis sich in Florida auszubreiten begannen – diese Spezies kann sich an Wassertemperaturen bis elf Grad Celsius anpassen. Um sie loszuwerden, hat man alle Fische der von Piranhas befallenen Gewässer, nach Art der südamerikanischen Indios, mit Pflanzengift vorübergehend betäubt und dann die Piranhas abgefischt.

Wer daran denkt, diese Raubfische in einem Aquarium zu halten, sollte auf Pflanzen verzichten und ein solches Becken nur mit Steinen ausstatten. Und natürlich keine anderen Arten dazusetzen. Anfänglich kann man Piranhas mit Hackfleisch ernähren, sollte sie aber bald an traditionelles Fischfutter gewöhnen, denn die verwesenden Fleischreste verschmutzen das Wasser binnen kurzer Zeit, und Piranhas sind krankheitsempfindlich, wenn das Wasser ihren Anforderungen nicht mehr entspricht. Und bitte, werfen sie sie nicht einfach in ein hiesiges Naturgewässer, falls sie Ihnen zu unbequem, zu teuer oder zu gross für die Haltung in Ihrem Aquarium geworden sind!

Klaus D. Günther für das AmazonasPortal

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