Piranha-Gefahr niemals unterschätzen

Veröffentlicht am 15. November 2012 - 21:19h

Brasilianische Forscher sind der Überzeugung, dass nur eine von ihnen beobachtete Piranha-Spezies ein richtiger Killerfisch ist: der Rote Piranha (Pygocentrus nattereri). Dieser Raubfisch schart sich in Schwärmen von bis zu vierzig Exemplaren zusammen, die sich zwischen Wasserpflanzen verbergen, um sich dann aus dieser Deckung heraus auf ihr Opfer zu stürzen und es gemeinsam zu zerfleischen und in Stücken zu verschlingen.

Piranha fish close upZur regelmässigen Ernährung der Piranhas gehören in erster Linie Fische und Krustentiere, sie attackieren jedoch auch grössere Wirbeltiere, von den sie mit ihren scharfen Zähnen Fleischstücke abbeissen können – interessant ist das typische “Rütteln“ beim Abreissvorgang (wie bei einem Hai). Als “Gesundheitspolizei“ erfüllen sie eine wichtige Funktion für das ökologische Gleichgewicht der Gewässer, indem sie – wie zum Beispiel die Geier auf dem Land – die Kadaver von Tieren vertilgen und damit eine Ausbreitung von Krankheiten verhindern.

Nun gibt es allerdings auch natürliche Feinde, die sich von den mit gefährlichen Zähnen bewehrten Raubfischen nicht abschrecken lassen. Dazu zählen Süsswasserdelfine, Kaimane, Greifvögel, grosse Raubfische und auch die Riesenotter. Und wenn sie besonders gestresst sind – zum Beispiel, wenn ein von ihnen bevölkertes Gewässer immer weiter austrocknet und sie zusammendrängt – dann fallen sie auch über ihresgleichen her.

Zwölf der zwanzig in Amazonien lebenden Spezies überleben durch gelegentliche Bisse aus Flossen und Schuppen grösserer Fische, die sie sich beim Anrempeln abreissen. Der angefressene Fisch flüchtet ein bisschen verstört, aber seine Flossen und Schuppen wachsen wieder nach. Ich selbst habe immer wieder erlebt, dass ich grössere Fische an der Angel aus dem Wasser zog, deren Schwanzflossen die typischen, halbrunden Bissstellen von Piranhas aufwiesen.

Der Halter eines Aquariums in Wales (Grossbritannien) hatte die Idee, sich ein Piranha-Paar – Männlein und Weiblein – anzuschaffen (der Import von Piranhas ist illegal in den meisten Ländern der Welt, auch in Grossbritannien), in der Hoffnung, dass ihm dann die Beiden einen Schwarm Baby-Piranhas bescheren würden. Er wurde enttäuscht, da das Weiblein ihren Prätendenten auffrass (Quelle: BBC News). Aber Piranhas sind auch keine ausschliesslichen Fleischfresser. Sie verzehren regelmässig auch Früchte und Pflanzenteile, besonders als Jungfische.

Obwohl Piranhas also keine grausamen Menschenfresser sind, scheinen erst in letzter Zeit Angriffe auf Menschen zuzunehmen. In Brasilien verlieren Badende Finger und Zehen häufiger durch Piranhabisse, als dies vor zehn Jahren noch der Fall war, und Spezialisten nehmen an, dass diese Tatsache etwas mit der Zunahme der Wasserkraftwerke und ihrer dazugehörigen Staudämme zutun haben könnte. Staudämme verringern die Geschwindigkeit der Flussströmung, und Piranhas bevorzugen es, sich in langsam fliessendem Wasser zu reproduzieren. Die Entstehung von ruhigem Wasser entlang des Flusses kommt einer Einladung an die Piranhas gleich, sich in Schwärmen zusammenzuschliessen. Und weil solche ruhigen Plätze auch Badegäste anlocken, kommen Menschen und Piranhas immer häufiger in Kontakt. Innerhalb von sieben Monaten erlitten Schwimmer individuelle Piranha-Bisse, ohne dass sie etwa verwundet oder blutend ins Wasser gestiegen wären. Der brasilianische Wissenschaftler Ivan Sazima hat eine Erklärung: “Piranhas legen ihre Brutplätze in sehr flachen Arealen an – wenn also jemand im flachen Wasser herumwatet und zufällig das Nest eines Piranhas bedroht, wird er wahrscheinlich gebissen werden“.

Betrachten wir nun mal die gesamte “Piranhada“, wie der Brasilianer vielleicht sagen würde, mit ihren besonderen Familienmitgliedern und deren individuellen Eigenschaften: Ursprünglich bewohnten sie nur einige Flüsse Südamerikas und gehören zu fünf Gattungen der übergeordneten Sägesalmler-Familie Serrasalminae (der auch Fische wie die “Pacus“ oder die “Dourados“ angehören). Der Name “Piranha“ entstammt der indigenen Tupi-Sprache und setzt sich aus den Worten “pirá“ (Fisch) und “anha“ (Zahn) zusammen, die man frei als “Fisch mit Zähnen“ übersetzen kann.

Piranhas sind normalerweise zwischen 14 bis 26 Zentimeter lang, obwohl es Berichte von einigen Arten gibt, die bis zu 43 Zentimeter lang sein sollen. Ohne Zweifel handelt es sich um einen sehr gefrässigen, Beute jagenden Fisch mit extrem starken Kiefern. Die Mehrheit dieser Spezies ist extrem schnell, greift aber erst an, wenn sie dazu provoziert, beziehungsweise stimuliert wird. Unter den unzähligen Piranha-Arten sind einige Kannibalen, andere nicht, aber alle sind von extrem aggressivem Verhalten. In Surinam hat der Forscher Jan H. Mol im Jahr 2006 Angriffe von Piranhas auf Menschen untersucht und herausgefunden, dass es sich bei den meisten Opfern um Kinder handelte, die beim Baden in ihre Füsse gebissen wurden – und zwar von einzelnen grossen Spezies des Serrasalmus rhombeus. Alle Angriffe geschahen während der Trockenperiode – also wenn der Wasserstand der Flüsse besonders niedrig ist – und an Wasserstellen, die von tierischen Innereien und Küchenabfällen verunreinigt waren.

Bei “Itacoatiara“, im Bundesstaat Amazonas, verunglückte ein Reisebus und kippte über die Uferböschung in einen Nebenfluss des Amazonas. Vierzig Menschen starben bei diesem Unglück am 14. November 1976 – als man die Leichen aus dem Bus endlich geborgen hatte, waren sie von Piranhas ziemlich verstümmelt. Leider konnte man nicht mehr feststellen, ob sie noch bei lebendigem Leib von den Raubfischen angegriffen wurden, oder erst als sie tot waren.

An dieser Stelle möchte ich ein Beispiel anführen, in dem Piranhas eine besonders grosse Gefahr darstellen, die ich selbst erlebt habe: Nach dem Ende der Regenzeit im Pantanal (Mato Grosso) fliesst das aufgestauten Wasser langsam ab, die Flüsse ziehen sich in ihr normales Bett zurück, und die durch die Überflutung entstandenen, temporären Lagunen trocknen langsam aus. In diesen Hunderten von Lagunen, die immer flacher werden, drängen sich nun die vom Fluss getrennten, eingeschlossenen Fische – der Kampf um Raum und Nahrung wird zur Überlebensfrage. Unter solchen Bedingungen erreichen auch die Piranhas einen Höhepunkt an Aggressivität und werden in diesem Fall sogar ihrem Ruf als Killerfische gerecht.

Auf einer solchen Lagune, zu der jedoch noch immer eine schmale Verbindung mit dem Rio Cuiabá bestand, war ich mit ein paar Besuchern aus Italien in einem Aluminiumboot unterwegs – eigentlich nur um die Landschaft zu bewundern und ein paar Tiere vor die Kameras zu bekommen. Mitten auf dem Wasser stellte unser Pilot dann den Motor ab, damit wir ungestört durch den Lärm des Aussenborders unsere mitgebrachten Sandwichs verzehren und dem vielstimmigen Gesang der Vögel lauschen konnten. Dann passierte es: Einer der Italiener, ich erinnere mich, dass sein Name Enzo war, schrie plötzlich auf und hielt seine rechte Hand hoch, aus der Blut tropfte – einen richtigen Schreck bekam ich dann, als ich mir seine Hand näher ansah – von der Aussenseite seines Handballens fehlte ein Stück – deutlich war die bogenförmige Bissstelle zu erkennen, die Enzo selbst genauso bestaunte, wie wir andern alle, und behauptete, dass er gar keinen Schmerz spüre.

Der kam dann aber doppelt, als wir die Blutung zu stillen versuchten und seine Hand mit Material aus der Bordapotheke verbanden – cool blieb allein seine halbwüchsige Tochter, die zuerst einmal den Piranha-Biss ihres Vaters filmte. Tatsächlich, ein Piranha hatte ihn erwischt, als er ganz unbemerkt von uns anderen, seinen Trinkbecher im Wasser am Bootsrand ausspülen wollte. Auch für mich war es das erste Mal, dass ich einen solchen “Unfall“ hautnah erlebte – und konnte mir lebhaft vorstellen, was passiert wäre, wenn vielleicht jemand einfach zum Schwimmen ins Wasser gesprungen wäre!

Darüber hinaus hatte ich verdammtes Glück, dass dieser Enzo den “Unfall“ nicht meiner Verantwortung angehängt hat, sondern seiner eigenen Unvorsichtigkeit – immerhin hatte ich ihn und alle anderen beim Einführungsvortrag auch auf die Piranha-Gefahr hingewiesen, obwohl ich aus eigener Erfahrung bis dato selbst nicht ernstlich an diese Gefahr glaubte.

Klaus D. Günther für das AmazonasPortal

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