Regenmaschine Amazonien

Veröffentlicht am 23. November 2011 - 11:44h

Um fünf Uhr morgens geht bereits die Sonne in Amazonien auf. Sie erscheint umhüllt von einer grossen, feuchten Wolke, die sich aus dem Wald löst und in die Atmosphäre aufsteigt. Von der Spitze eines Aluminiumturms in 54 Metern Höhe, der mitten im Regenwald nördlich von Manaus errichtet worden ist, verfolgt ein Ökologe und Forscher der INPA, das Spektakel mit grösster Aufmerksamkeit. Der Spezialist, der diesen Sonnenaufgang schon hunderte Male beobachtet hat, ist immer wieder aufs Neue von der Menge an Wasser überrascht, die da vom Wald abgegeben werden.

Wenn man sich von dieser Höhe aus umsieht, kann man erkennen, wie der Regenwald das Klima beeinflusst. Vom Gesamt der Feuchtigkeit, welche vom Atlantik in den Norden Brasiliens eindringt und als Regen über Amazonien niedergeht, wird nur eine Hälfte von den Flüssen zurück ans Meer gegeben – die andere Hälfte wird vom Wald aufgenommen und an die Atmosphäre zurück gegeben, wo sie in andere Regionen transportiert wird – so erklärt es ein Mitarbeiter von der “Fundação Brasileira para o Desenvolvimento Sustentável“. Der grösste Teil wird von den Winden in Richtung Zentraler Westen, Südosten und Süd getrieben, wo die Niederschläge in den produktivsten Teilen des Landes die Felder bewässern und Stauseen auffüllen.

Der Aluminiumturm ist einer von 16 in Amazonien errichteten Beobachtungspunkten, als Teil des Experiments mit der “Biosphäre-Atmosphäre in Amazonien“ (LBA), ein internationales Projekt, welches seit zehn Jahren die Interaktionen zwischen Biologie und Klima studiert. Wissenschaftliche Instrumente auf dem Boden, gekoppelt mit der Metallstruktur, registrieren die vitalen Signale des Regenwaldes: Dampfproduktion, Strahlung, Wechsel der Temperatur und Kohlendioxyd, das ein und ausströmt.

Die vom Wald ausgeatmete Feuchtigkeit vereinigt sich in der unteren Atmosphäre zu einem “fliegenden Fluss“, der vom Atlantik herkommt und an der Küste von Pará ins Land einströmt, gesättigt mit verdampftem Wasser aus dem Meer. Über Amazonien vermischen sich die Verdampfungen des Ozeans und des Regenwaldes zu einer gigantischen Ladung feuchter Luft. Ungefähr die Hälfte, so erklären die Wissenschaftler, geht als Regen in Amazonien selbst nieder, die andere Hälfte wird weit weg getrieben. Nachdem diese Strömung an die Anden “gestossen“ ist, wendet sie sich gegen Süden in Richtung des Prata-Beckens, wobei sie über verschiedene Regionen Brasiliens hinweg zieht.

Mit der fortschreitenden Abholzung riskiert man, diesen Strom zu unterbrechen. Je weniger Wald, desto kleiner die Verdampfung und desto weniger Wasser wird an die Atmosphäre zurückgegeben – was die Regenfälle beeinträchtigt. Eine von Forschern der INPA publizierte Studie demonstriert, dass eine Verringerung von 40% der Walddecke im Osten Amazoniens bereits genügt, um durchgreifende klimatische Veränderungen in der Region zu bewirken – mit Zunahme der Temperatur und Verringerung der Niederschläge.

“Amazonien wird mit Sicherheit trockener werden“, sagt ein Meteorologe der INPE. Auch wer ausserhalb Amazoniens lebt, hat viel zu verlieren. “Studien deuten darauf hin, dass der Verlust des Regenwaldes die Niederschläge in weiten Gebieten des südamerikanischen Territoriums, wie im zentralen Süden, Südosten und Süden Brasiliens, verändern kann“ bestätigt der Meteorologe. “Wenn man an die Auswirkungen der Klimaveränderung denkt, zusammen mit einer zunehmenden Abholzung des Regenwaldes, kann man mit Sicherheit direkte Konsequenzen auf die Niederschlagstätigkeit erwarten – allerdings ist es uns noch nicht möglich, eine solche Veränderung in Zahlen zu fassen“.

Sie mag paradox klingen, aber es gibt eine andere Theorie, die davon ausgeht, dass die Menge der Regenfälle im Süden mit zunehmender Abholzung, und somit einer fehlenden Verdampfung der Feuchtigkeit des Regenwaldes, sogar noch zunehmen könnte. Das vom Ozean einfliessende Dampfvolumen ist enorm: 600.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde – dreimal so viel, wie das Mündungswasser des Amazonas – so erklärt ein Wissenschaftler von der INPA. Ohne den teilweisen Feuchtigkeitsverbrauch des Waldes, und mit fortschreitenden klimatischen Veränderungen, könnte der Dampf des Ozeans wie ein Expresszug über Amazonien hinwegrasen, um mit viel mehr Power sein Ziel zu erreichen. Anstatt als ein “tröpfelndes Bewässerungssystem“ würde sich der “fliegende Fluss“ in eine Folge von Güssen mit kurzer Dauer verwandeln, gefolgt von langen Perioden absoluter Trockenheit – eine furchtbare Vorstellung nicht nur für die Landwirtschaft.

“Die Luft strömt schneller ohne den Regenwald und wird sich nicht abregnen – erst am Ende“, erklärt er. “Der Süden wird mehr Regen bekommen, aber der wird schlecht verteilt sein. Die schlimmste Konsequenz wird das Fehlen von Wasser sein“.

Andere Forscher wiederum halten es für möglich, dass der “fliegende Fluss“ vollkommen austrocknet und weite Gebiete des Südostens und Südens in Wüsten verwandeln wird. “Wenn man den Regenwald zerstört, wird sich der gesamte Kontinent in eine riesige Savanne verwandeln“, behauptet ein anderer Ökologe von der INPA. Er stützt sich auf die Arbeit eines russischen Physiker-Duos, nach deren Studien die Transpiration des Waldes wie ein Ansaugventil funktioniert, das die feuchte Luft des Ozeans in den Kontinent saugt. Die Abholzung des Regenwaldes schwächt diesen Mechanismus und könnte sogar eine Richtungsänderung der Winde provozieren, die dann Feuchtigkeit aus dem Innern des Kontinents nach aussen ins Meer wehen würden.

Obgleich es so scheint als ob der hydrologische Schock der Waldzerstörung geringer sei als angenommen, geschieht genau das Gegenteil, versichern Biologen von der INPA. Die Bedeutung Amazoniens für den Regen im übrigen Brasilien, so sagen sie, könnte viel grösser sein, als angenommen. Die genaue Menge ist noch nicht bekannt, aber sie ist bedeutend!