Piranhas – Menschen fressende Ungeheuer?

Veröffentlicht am 15. November 2012 - 21:02h

Die Piranhas geniessen eine weltweite Popularität als Menschen fressende Ungeheuer, die sich in den Gewässern der “Grünen Hölle“ des Amazonas und seiner Nebenflüsse herumtreiben, um einen Menschen, der sich erschöpft und ahnungslos ein erfrischendes Bad im Wasser gönnt, in Sekundenschnelle zu skelettieren – dieses populäre Horrorszenario wurde auch öfter von Hollywood publikumswirksam eingesetzt, mit Filmen, in denen die Piranhas als aggressive, unersättliche Monster angeprangert werden. Ein Beispiel ist der 1967 erschienene James Bond “You only live twice“ (Du lebst nur zweimal), in dem der Bösewicht Blohfeld seinen Lieblingen ein Stück Fleisch ins Becken hält und wenige Augenblicke später den blanken Knochen herauszieht. Im Verlauf der Handlung wird schliesslich auch eine Frau ins Piranha-Becken gestossen – allerdings begnügt sich der Regisseur damit, die Blutgier der Killerfische nur durch ein rotes Aufschäumen des Wassers anzudeuten, um das Publikum nicht allzu sehr zu schockieren.

Auch durch Computerspiele wie “Tomb Raider III“, in dem Heldin Lara Croft einen von Piranhas wimmelnden See durchqueren muss, oder neuere Filme wie “Piranha II“, in dem die Biester sogar mit entblösstem Gebiss übers Wasser fliegen können, wird die Furcht vor den Monsterfischen bis zur Absurdität geschürt. Als die eigentlichen Urheber dieser weit verbreiteten, bluttriefenden Geschichten über die Piranhas, sind jedoch angesehene historische Entdecker und Forscher, die Südamerika bereisten – Alexander von Humboldt, zum Beispiel, beschrieb den Pygocentrus cariba (Roter Schulterfleck-Piranha) im Jahr 1814, auf seiner Reise durch Venezuela, folgendermassen:

“Bei San Fernando auf dem Rio Apure. Am Morgen fingen unsere Indianer mit der Angel den Fisch, der hierzulande Caribe oder Caribito heisst. Er fällt die Menschen beim Baden und Schwimmen an und beisst ihnen oft ansehnliche Stücke Fleisch ab. Ist man anfangs auch nur unbedeutend verletzt, so kommt man doch nur schwer aus dem Wasser, ohne tiefe Wunden davonzutragen. Giesst man ein paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden herauf“.

Einhundert Jahre später reist der amerikanische Präsident Teddy Roosevelt nach einem erfolglosen Versuch der Wiederwahl mit einer Expedition nach Brasilien – vielleicht wollte er sich von seinem Frust ablenken – und im Jahr 1914 erscheint sein enthusiastischer Bericht, in dem er sich über “die teuflische und wilde Natur der Tropen“ äussert. Die Piranhas empfindet er als deren typische Verkörperung – er schreibt:

“Sie sind die grausamsten Fische der Welt. Selbst die furchterregendsten Fische, Haie und Barrakudas, greifen normalerweise kleinere Beutetiere an als sie selbst. Jedoch die Piranhas attackieren in der Regel Tiere, die viel grösser sind als sie selbst. Sie knipsen die Finger einer Hand ab, die unvorsichtigerweise ins Wasser hängt – sie verstümmeln Schwimmer – in jeder Stadt von Paraguay gibt es Männer, die so verstümmelt worden sind – Piranhas überfallen und verschlingen jeden verwundeten Menschen und jedes Tier – Blut im Wasser treibt sie zum Wahnsinn. Sie zerstückeln wildes Geflügel und beissen grossen Fischen die Schwänze ab, wenn sie an einem Angelhaken hängen und ihre Kraft verlieren.

Aber der Piranha ist nur ein relativ kleiner, seitlich flacher Fisch mit einem stumpfen Kopf und einem vorstehenden Unterkiefer. Die rasiermesserscharfen Zähne sind denen des Hais ähnlich, und die Kiefer besitzen eine starke Beisskraft, welche die Zähne durch Fleisch und Knochen treibt. Der Kopf mit der kurzen Schnauze, den bösartig starrenden Augen und den grausam aufgerissenen Fangzähnen ist die Verkörperung teuflischer Wildheit, und das Verhalten dieses Fisches passt genau zu seinem Aussehen. Sie sind die Pest der Gewässer, und es ist nötig, in von ihnen bevölkerten Gewässern äusserst vorsichtig beim Schwimmen oder Baden im Wasser zu sein. Wenn Rinder ins Wasser getrieben werden oder aus eigenem Antrieb ins Wasser gehen, werden sie normalerweise nicht belästigt – wenn jedoch ein ungewöhnlich grosses oder gieriges Exemplar dieser furchtbaren Fische eins der Tiere beisst – ihm ein Ohr abreisst oder vielleicht eine Zitze vom Euter einer Kuh – dann bringt das ausströmende Blut jedes Mitglied des heisshungrigen Schwarms auf den Plan, und falls das angegriffene Tier nicht sofort ans Ufer fliehen kann, wird es lebendig zerfleischt“.

Dieser Bericht des Ex-Präsidenten, ging durch die amerikanische Presse und trug massgebend zur bereits bestehenden “Legendensammlung“ über das mörderische Verhalten der Piranhas bei – tatsächlich war Roosevelt jedoch einer Show aufgesessen, die der brasilianische Ichthyologe (Fisch-Forscher) Miranda Ribeiro für seinen illustren Gast vorbereitet hatte: Er liess einen Nebenfluss des Rio Aripuanã von Indios mit Netzen unterteilen und unzählige von ihnen gefangene Rote Piranhas hineinsetzen. Danach trieben sie ein verletztes Rind ins Wasser, das sofort von den hungrigen und in Panik befindlichen Fischen angegriffen wurde – dieses blutige Schauspiel beeindruckte Roosevelt dermassen, dass er diese Piranha-Spezies als Serrasalmus roosevelti registrieren liess – inzwischen wurde die Spezies in Pygocentrus nattereri (Roter Piranha) umbenannt – aber Roosevelts “Horror-Bericht“ hatte das Vorurteil einer ganzen Nation geprägt und tut es immer noch.

Einige Jahrzehnte nach ihm waren selbst gestandene Wissenschaftler immer noch nicht frei von Vorurteilen, weil sie immer noch nicht über fundierte Forschungsergebnisse im Fall “Piranha“ verfügten. So schrieb zum Beispiel der Wissenschaftler Philip Street noch 1971 in seinem Buch “Die Waffen der Tiere“:

“Der Menschenhai und der Barracuda sind furchterregende Geschöpfe, aber an rasender Wildheit und Gefährlichkeit für den Menschen kommt nichts, was im Meer schwimmt, einem kleinen, in den Flüssen Südamerikas lebenden Fisch gleich. Das ist der Piranha. Er steht mit Recht im Ruf eines Menschenfressers, obgleich seine Länge selten 17,5 cm übersteigt und 25 cm bilden einen Rekord. Der Tod durch den Hai oder den Barracuda ist meist rasch und, verglichen mit dem Piranha, geradezu gnädig zu nennen. Jeder Mensch und jedes Tier, denen das Unglück widerfährt, an einer von diesem blutdürstigen Fisch heimgesuchten Stelle in den Fluss zu fallen, wird buchstäblich bei lebendigem Leibe aufgefressen, Hunderte erscheinen aus dem Nichts, und das Fleisch des Opfers wird in Zehntausenden kleiner Bisse abgefressen, bis nichts übrigbleibt als das nackte Skelett.

Das grausige Werk ist kurz. Bei einer neueren Untersuchung wurde der Kadaver eines Schweins von 400 Pfund in einen Fluss herabgelassen, von dem man wusste, dass er von Piranhas wimmelte. Nach zehn Minuten waren nur noch die Knochen übrig. So klein er ist, besitzt der Piranha ein unglaublich scharfes Gebiss, mit dem er einen Finger samt Knochen auf einmal glatt durchbeissen kann. Gewöhnlich ist der Piranha ein geruhsamer Fisch, doch das Erscheinen des Opfers scheint ihn in eine Art von Raserei zu versetzen, und es ist nicht der Hunger allein, der ihn treibt. Lange nachdem diese Fische sich satt gefressen haben, fahren sie mit ihren wütenden Angriffen fort, bis auch nicht das geringste bisschen Fleisch mehr übrig ist; die Abfälle häufen sich am Boden des Flusses, bis die Strömung sie wegschwemmt. Kein Lebewesen entgeht ihrer Aufmerksamkeit, auch keines der eigenen Gattung, und es ist unmöglich, mehr als einen von ihnen in einem Aquarium zu halten“.

Nun, der Hang zu Übertreibungen gehört, wie man weiss, zu den häufigsten Ausschmückungen menschlicher Ausdrucksformen, besonders wenn man damit einen bestimmten Zuhörer- oder Leserkreis beeindrucken oder gar die öffentliche Meinung beeinflussen kann – das machen uns die Politiker täglich vor, und die Werbebranche geht sogar soweit, zwischen Übertreibung und aalglatter Lüge überhaupt keinen Unterschied mehr zu machen, um die Öffentlichkeit für den Erwerb eines bestimmten Produkts zu überreden. Es ist also durchaus vorstellbar, dass auch Wissenschaftler gegen diese Versuchung nicht immun sind, wenn ihnen anhand ihrer “Expertenmeinung“ Ruhm und Ehre winken.

Klaus D. Günther für das AmazonasPortal