Der Amazonas-Strom

Veröffentlicht am 19. Dezember 2011 - 10:52h

Der an Wasservolumen grösste Strom unseres Planeten entstand vor 11,8 Millionen Jahren. Das gesamte Studium der Lebensgeschichte des Amazonas-Stroms basiert auf paläontologischen Analysen (Fossilien von Tieren und Pollen) sowie sedimentaren Untersuchungen, das heisst, Gesteinsproben, welche man aus Bohrlöchern gewonnen hat, die an der Mündung des Stroms im Atlantischen Ozean vorgenommen wurden.

Nach den Auskünften von Wissenschaftlern existierte vor jenen 11,8 Millionen Jahren ein kleiner Fluss – in einer Periode, die von den Geologen als “Mittleres Miocen“ bezeichnet wird (in Afrika existierte damals der Genius Mensch noch gar nicht). Dieser Fluss bewässerte aber nur den orientalischen Teil der heutigen Amazonas-Region.

Auf der okzidentalen Seite, wo heute sich Peru, Kolumbien und die Amazonasstaaten und der Acre befinden, existierte eine Art Sumpf – eine grosse überflutete Fläche.

“Zur Unterteilung dieser beiden Regionen existierte ein etwas erhöhtes Gebiet – vielleicht geringfügig höher als die grossen amazonensischen Hochebenen – im Westen von Manaus“, führt ein Geologe der brasilianischen Petrobras aus.

Die Situation veränderte sich dann vor den bereits erwähnten 11,8 Millionen Jahren. Auf der einen Seite begann das Meer zu fallen, wegen der Zunahme des Eismantels in der Antarktis – ein Rückgang um etwa 120 Meter im Vergleich zur heutigen Meeresoberfläche – auf der anderen Seite präsentierte die mächtige Andenkette ihre geballte Kraft und erhob sich in Höhen, die annähernd den heutigen ebenbürtig sind.

Diese beiden Prozesse kamen bereits vor 11,3 Millionen Jahren zum Stillstand, und sie bewirkten, dass die Seen der Westseite sich mit jenem kleinen Fluss im Osten verbanden. Der Amazonas, jetzt transkontinental, war fertig, um zu wachsen und in Erscheinung zu treten.

Komplette Dokumentation über den Mythos des Amazonas

In der Kindheit des Flusses – zwischen 11,8 und 6,8 Millionen Jahren – gab es noch eine Unzahl von Seen entlang des Amazonas, deren Verlauf voller Schleifen war, so wie der verschiedener kleiner Flüsse in dieser Region heute noch ist. Die Sedimente, welche vom Wasser des Flusses angespült wurden, lagerten sich auf dem Kontinent ab.

In seiner Jugendzeit – als die Anden sich weiter nach oben verschoben – gab es für ihn noch mehr Sedimente zu transportieren. Und sie begannen nun auch in grösseren Mengen bis in den Ozean gespült zu werden, und sie verschlossen auf ihrem Weg die Verbindungen zu den Seen.

Vor 2,4 Millionen Jahren nun, hat der Amazonas seine erwachsene Phase erreicht. Das seinerzeit voller Schleifen und Untiefen dahin plätschernde Flüsschen hat sich zum gewaltigsten Strom unserer Erde entwickelt.

Kalkulationen des Projekts “Piatam“ (der Petrobras) zeigen, dass der Strom jedes Jahr 6,3 Trillionen Kubikmeter Wasser (16% der weltweiten Süsswasserausschüttung ins Meer) und 1,2 Milliarden Tonnen an Sedimenten in den Atlantischen Ozean befördert. Das ist so viel Abfall, dass die Mündung des Amazonas pro Jahr einige Millimeter versinkt.

Wie der Geologe der Petrobras noch anvertraute, stehen die brasilianischen Forschungen im Gegensatz zu einer Hypothese, welche von anderen Wissenschaftlern vertreten wird, nämlich die, dass der Amazonas-Strom vor 5 Millionen Jahren in umgekehrter Richtung geflossen sein soll – vom Atlantik zu der Seite, die begann, sich als Andenkette zu erheben.