Begegnungen mit dem gefürchteten Räuber

Veröffentlicht am 15. November 2012 - 21:05h

Eine unhaltbare Legende, die man überall dort zu hören bekommt, wo Menschen in Städten und weitab von jeglicher Piranha-Gefahr leben, ist die von der “kranken Kuh, die bei der Flussüberquerung einer Herde in Amazonien den Piranhas geopfert werden muss, damit sie durch sie vom Rest der Herde abgelenkt werden“.

Aber sind nun Piranhas, die auch Menschen angreifen, nur ein Mythos und das Ergebnis blühender Phantasie? Ich will versuchen, Ihnen ein wirklichkeitsgetreues Bild dieser tropischen Raubfische zu zeichnen, in dem ich dazu auch meine persönlichen, jahrelangen Erfahrungen mit ihnen beisteuere. Meine erste Piranha-Begegnung liegt fast vierzig Jahre zurück, in den 70er Jahren, als ich mit ein paar Freunden auf einer Sandbank am Rio Araguaia campierte. Angeln war unsere grosse Leidenschaft und der wollten wir eine ganze Woche opfern. Zu jener Zeit, im Monat Juli, war “Brasiliens schönster Fluss“, wie ihn viele nennen, von geradezu erhabener Schönheit. Durch seinen niedrigen Wasserspiegel hatten sich in jeder Biegung weiss leuchtende Strände mit feinstem Sand angehäuft, die einen fantastischen Kontrast zu dem sie begrenzenden dichten Grün des Galeriewaldes bildeten – auf einem dieser Sandstrände stand unser Hauszelt.

Einen ersten Ausflug per Schlauchboot unternahmen meine Freunde allein, weil ich vorerst noch einige Fotos von unserer Camp-Umgebung machen wollte – zurück kamen sie fröhlich und ausgelassen, der Grund waren einige Tucunarés (Buntbarsche), Pacus (Scheibensalmler) und Piranhas, die sie mir stolz als ihren ersten Fang vor der Kamera präsentierten und bald danach anfingen, sie für unser Abendessen vom Grill zu schuppen und auszunehmen. Meine besondere Neugier als “Gringo“, der ich damals war, galt den Piranhas, von denen ich nur vom Hörensagen eine verschwommene Vorstellung hatte, und die war ebenfalls stark geprägt von jenen üblichen Horror-Stories. Also nahm ich mir einen der offensichtlich toten Piranhas vor, und um meine Neugier zu befriedigen, benutzte ich – glücklicherweise – mein Bowie-Messer beim Untersuchen seiner scharfen Zähne, schob die Klinge zwischen Ober- und Unterkiefer – und erschrak furchtbar, als sich seine Zähne ruckartig, mit einem deutlichen Knirschen, um die Messerklinge schlossen. Zu meiner Überraschung war der Fisch noch nicht tot und hatte scheinbar seine letzten Kräfte mobilisiert, um mit einer blitzschnellen, energischen Bewegung zuzubeissen – ich konnte die Kraft seiner Kiefer an der Klinge spüren und mir gut vorstellen, was so ein Raubfisch am weichen Fleisch eines menschlichen Körpers anrichten könnte.

Von meinen erfahrenen Freunden erfuhr ich dann, dass die meisten Unfälle mit Piranhas dann passieren, wenn beide, Fisch und Mensch, sich ausserhalb des Wassers befinden – tatsächlich! Denn einen Angelhaken aus dem Maul – und manchmal aus dem Schlund – eines Piranha zu entfernen, ist für Ungeübte eine schwierige Sache und sollte stets mit äusserster Vorsicht angegangen werden, denn beim geringsten Fehler werden seine rasiermesserscharfen Zähne zuschnappen, und die können einen Finger glatt abtrennen. Erfahrene Angler bedienen sich einer spitzen, gekröpften Zange, um den Haken beim lebenden Piranha vorsichtig zu entfernen – sie halten dabei den glitschigen Fisch, mit Daumen und Fingern links und rechts in die Kiemenspalten gedrückt, sicher fest. Weit verbreitet unter den eingeborenen Fischern ist die Angewohnheit, die gefangenen Fische nach dem Entfernen des Hakens einfach ins Boot zu werfen, wo sie dann noch eine ganze Weile herumzappeln – besonders Piranhas bleiben so noch Stunden am Leben und sind eine latente Gefahr für die Menschen, die sich meistens barfuss im Boot bewegen. Verlorene Zehen und andere schlimme Fussverletzungen von Piranha-Bissen habe ich später mehrmals bei eingeborenen Fischern feststellen können – sie waren jedoch meistens die Folge ihrer persönlichen Unachtsamkeit.

Trotz ihres bösen Rufes in unserer westlichen Hemisphäre scheint sich in Amazonien niemand vor den Piranhas zu fürchten. In den Siedlungen der “Ribeirinhos“, so heissen die Flussbewohner, springen schon kleine Kinder ausgelassen schreiend ins Wasser zum täglichen Bad. “Piranhas beissen nur, wenn man sie gefangen hat“, sagt ein kleiner, nackter Dreikäsehoch und verblüfft mich seiner Logik: “Eine Maus beisst auch, wenn man sie am Schwanz packt“!

In krassem Gegensatz zu dieser Verharmlosung steht ein Vorkommnis, von dem mir die Flussbewohner einer Nachbarsiedlung berichteten: Ein kleines Mädchen fiel beim Spielen am Ufer ins Wasser – seine Mutter, ganz in der Nähe, schuppte Fische und nahm sie aus fürs Mittagessen. Schuppen und Eingeweide, von der Frau ins Wasser geworfen, hatten Schwärme von Piranhas angelockt, die sich in ihrem Fressrausch auch auf das Kind stürzten. Ursache dieses Unfalls war die Angewohnheit der dort lebenden Menschen, auf der Jagd erbeutetes Wild und ihre Fische stets an der gleichen Stelle am Flussufer auszuweiden und die Überreste ins Wasser zu werfen – an solchen Stellen haben sich ganze Piranha-Schwärme bereits an die “regelmässige Fütterung“ gewöhnt und attackieren sämtlichen Abfall, der ins Wasser fällt. Besonders gegen Ende der Trockenzeit, etwa in den Monaten September und Oktober, wenn der Wasserspiegel der Flüsse seinen niedrigsten Stand erreicht hat, sollte man beim Baden vorsichtig sein.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein Erlebnis ein, durch das ich beinahe bei meinen Touristen einmal in Ungnade gefallen wäre, die ich als Tour-Guide zwischen 1970 und 76 durch die brasilianische Wildnis führte. Wir befanden uns auf dem Rio das Mortes, einem Nebenfluss des schon erwähnten Rio Araguaia, in einem regionalen Hausboot – zwölf Passagiere aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich, der Steuermann, ein eingeborener Assistent und ich selbst. In der Mittagshitze gingen wir an einem der weisssandigen Flussstrände vor Anker um allen ein erfrischendes Bad im flachen Wasser zu gönnen – denn in einer Tiefe von mehr als zwei Metern, so hatten mir die Einheimischen und auch die Indios bestätigt, bestehe die Gefahr, von Piranhas “angeknabbert“ zu werden. Deutlich konnte ich dann beobachten, wie unsere Gäste schüchtern und auf engstem Raum zusammengedrängt versuchten, das Bad im lauwarmen Fluss zu geniessen, jedoch liess die eingebildete Piranha-Gefahr keine rechte Stimmung aufkommen, während unser Assistent Jonas, der uns als Kellner, Fährtensucher und Jäger zur Hand ging, die Gruppe fröhlich jauchzend umkreiste und auch demonstrativ bis weit in den Fluss hinaus schwamm.

Joaquim, unser Steuermann, sass derweil auf seiner Bank am Heck und angelte, um sich die Zeit zu vertreiben – und dann machte dieser einfache, bescheidene Indiomischling einen unverzeihlichen Fehler, indem er nämlich einen grossen, schwarzen Piranha (Serrasalmus rhombeus), den er gerade mit einem Stückchen rohen Fleisches gefangen hatte, stolz hochhielt, um ihn uns zu zeigen – worauf sich unsere Touristen schreiend ans Ufer retteten – ich erinnere mich, dass eine Deutsche, mit Namen Helga, einen Weinkrampf bekam, aus dem sie dann einer der Schweizer mit zwei Backpfeifen erlösen konnte. Aber damit war die leidige Geschichte für mich persönlich noch nicht vorbei: Man bezeichnete mich als verantwortungslos und meine Tour als lebensgefährlich, darüber hinaus wurde ich mit fast allen Vorurteilen beworfen, die sich auf Grund der bluttriefenden Schlagzeilen europäischer Medien und schockierender Horrorfilme über Piranhas in der blühenden Vorstellungswelt meiner Gäste angesammelt hatten. Erst als Jonas gegen Abend, nach einem noch mit finsterer Miene verfolgten, herrlichen Sonnenuntergang, eine grosse Schüssel mit duftender Suppe kredenzte, schienen sich die Mienen langsam wieder zu glätten. Erste Stimmen fingen sogar an, den “unvergleichlichen Geschmack dieser Suppe“ zu loben – da grinste Jonas breit und, nach einem kurzen Blickwechsel mit mir, erklärte er der wieder fröhlich plappernden Gästerunde, dass sie da eine “Sopa de Piranha“ (Piranha-Suppe) löffelten, die er aus dem von Joaquim gefangenen “Schwarzen Monster“ zubereitet habe!

Ein lebendes Tier anzugreifen, das traut man den Piranhas ohne weiteres zu, aber es ist nicht wahrscheinlich, dass sie einen gesunden Menschen auffressen. Man weiss, dass sie altersschwache und kranke Tiere attackieren, die an den Fluss zum Trinken kommen. Wenn eine Kuh ihre Schnauze ins Wasser taucht, verbeissen sie sich, und wenn das Tier schwach ist, können sie es auch ins Wasser ziehen. Aber eine lebende Beute gehört nicht zu ihrer Ernährungsgrundlage. In der Regel sind Piranhas Aasfresser. Skelette von Tieren und Menschen, die man in Amazonien gefunden hat, und deren Knochen offensichtlich von Piranhas abgenagt wurden, sind nicht lebendig angegriffen worden, sondern sie waren vorher schon tot.

Klaus D. Günther für das AmazonasPortal