Tagebau im Öko-Paradies

Veröffentlicht am 6. Dezember 2011 - 22:11h

Venezuela befindet sich unter den zehn biodiversifiziertesten Ländern der Erde. Es ist die Heimat extensiver Regenwälder, die zunehmend von einer rasanten Entwicklung bedroht sind. Pro Jahr werden zirka 287.000 Hektar Wald permanent zerstört, während andere Gebiete von Holzfällern, Abbau von Bodenschätzen und Erdöl geschädigt werden. Zwischen 1990 und 2005 hat Venezuela offiziell 8,3 % seiner Walddecke verloren – 4.313.000 Hektar!

Energie ist Venezuelas bedeutendstes Exportprodukt, und der Präsident Hugo Chaves hat Öl als politisches Instrument benutzt, um seinen Einfluss auf andere lateinamerikanische Staaten auszudehnen. Im Jahr 2006 hat Chaves Pläne bekannt gegeben, eine massive Pipeline zu bauen, die Erdgas von seinem ölreichen Staat bis 8.000 Kilometer weit in den Süden transportieren könnte. Umweltschützer befürchten, dass dieses Projekt den Amazonas-Regenwald zerstören könnte, durch die Verseuchung von Wasserstrassen und den Bau von Pisten, welche Landspekulanten und arme Siedler gleichermassen anlocken würde. Analytiker bezweifeln ebenfalls die Weisheit und die Durchführbarkeit des Plans, der zwischen 20 und 50 Milliarden kosten würde – je nachdem, wer ihn in Angriff nähme. Venezuela fährt fort mit dem Bau einer Elektrizitäts-Verbindung nach Brasilien. Wenn sie fertig ist, wird die Leitung aus dem hydroelektrischen „Guri-Projekt“ – welches für sich bereits als ökologisches Desaster wegen der von ihm gefluteten Landfläche betrachtet wird – durch sensible Regenwaldgebiete bis in den Bundesstaat Roraima, in Brasilien, führen. Naturschützer befürchten, dass diese Leitungen Kolonisten und Landspekulanten Eintritt in bisher schwer zu erreichende Naturwälder verschaffen werden.

Eine andere signifikante Bedrohung der venezolanischen Regenwälder ist, wie könnte es anders sein, die Bergbauindustrie. Informelle Gold- und Diamantenschürfer sind besonders aktiv im südlichen Teil des Staates Bolivar, wo sie eine konfliktbeladene Vergangenheit gegen eingeborene Bewohner – insbesondere gegen die Yanomami – auszeichnet, sowie eine führende Rolle in der Schädigung der Umwelt durch die Verseuchung lokaler Flüsse und Abholzung des Baumbestands.

Während der letzten Jahrzehnte haben Venezuelas Regierungen zwar Schritte unternommen, um die Schürfer der Region unter Kontrolle zu bekommen, haben aber wenige Langzeiterfolge aufzuweisen und ein paar sehr fragwürdige Entscheidungen getroffen, wie zum Beispiel 40% (3,4 Millionen Hektar) des „Mataca-Reservats“ an die Bergbauindustrie und an Holzfirmen zu verpachten (1997). Berichte aus dem Jahr 2005 sagen aus, dass Präsident Hugo Chaves das Militär eingesetzt habe, um die Ordnung in diesem Gebiet wieder herzustellen. Konzessionen hinsichtlich Kohle- und Bauxit-Abbau werden in anderen Teilen des Landes wahrgenommen.

Obwohl ausgiebig subventioniert, ist die Holzfällerei noch unterentwickelt im Land. In der Vergangenheit wurden im südwestlichen Venezuela die meisten Bäume gefällt, aber wegen der dortigen Überbeanspruchung richten nun die Holzunternehmen ihr Augenmerk auf die nördlichen und östlichen Teile des Landes.

Eigentlich stehen mehr als 35% von Venezuela innerhalb seiner Park- und Reservatssysteme unter Naturschutz – aber ein grosser Teil dieser Fläche ist lediglich auf dem Papier geschützt! Überall werden geschützte Gebiete von Holzfällern und Schürfern ausgebeutet – beide illegal und regierungs-sanktioniert – und für andere Entwicklungsprojekte zweckentfremdet. Zum Beispiel der “Cainama Nationalpark“ – berühmt wegen seines weltweit höchsten Wasserfalls “Angel Falls“ – ist durch eine Reihe von legalen und illegalen Schürfern und Holzfällern in den letzten Jahren entweiht worden!

Trotz solcher Entwicklungen hat Venezuela naturorientierten Besuchern viel zu bieten. Es ist Lebensraum für nahezu 1.400 Arten von Vögeln – Venezuela gehört zu den beliebtesten Zielen der Birdwatcher überhaupt. Das Land hat mehr als 21.000 Pflanzenarten, 353 Säugetierarten, 323 Reptilien- und 288 Amphibienarten. Obwohl stark bedroht, sind Venezuelas „Wolkenwälder“ für ihre Biodiversifikation bekannt. Die Tepui-Formationen – bewaldete Bergplateaus aus prähistorischer Zeit – in Süd-Venezuela, gehören zu den allerschönsten Landschaften auf unserem Planeten!